Flug

mueller_juerg_bar2.jpg
Juerg Mueller ist Schweiz-Chef von Emirates und seit drei Jahren B.A.R.-Präsident. Bild: TN/HO

«Jetzt geht es für viele Airlines um das nackte Überleben»

Von Gregor Waser

Juerg Mueller, der Präsident des Board of Airline Representatives Switzerland (B.A.R.), äussert sich zur dramatischen Situation in der Airlinebranche und er muss feststellen, dass bisher keine der positiven Prognosen eingetreten ist.

Herr Mueller, die Airlinebranche leidet derzeit enorm. Stellen Sie bei den BAR-Mitgliedern verschiedene Ausgangslagen fest? Sind alle Mitglieder aus den eigenen Ländern heraus gut abgefedert, um die Krise noch einige Monate zu meistern?

Juerg Mueller: Niemand in der Branche hat vor knapp einem Jahr nur annähernd damit gerechnet, dass wir jetzt – im Februar 2021 – da stehen, wo wir sind. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind die Zahlen aller Airlines und Flughäfen gelinde gesagt katastrophal. Was jetzt doch stark spürbar wird, ist die Erkenntnis, dass eigentlich keine der positiven Prognosen eingetreten ist oder in Bälde eintreten wird. Nüchtern betrachtet heisst das für viele Airlines, dass es in den nächsten Monaten um das nackte Überleben geht. Das bedeutet für viele Marktteilnehmer eine erneute Suche nach Überbrückungsgeldern, entweder durch eigene Mittel, die Eigentümer, den Staat oder die Finanzmärkte. Und da ist die Ausgangslage von Airline zu Airline doch sehr unterschiedlich. Für die mittel- bis längerfristige Zukunft müssen die Airlines auch selbst ernsthaft über die Bücher gehen und sich auf ganz neue Marktgegebenheiten vorbereiten.

Wie verfolgen Sie den Druck auf die einzelnen Job-Felder der Airlinebranche?

In Anbetracht des schieren Ausmasses der Misere sind alle Jobs betroffen, weil das Gesamtsystem schrumpft. Was die Schweiz betrifft, so muss man sich heute schon fragen: Was passiert, wenn die – ausgezeichnete – Schweizer Kurzarbeitslösung wirklich auf 18 Monate begrenzt ist, die Branche bis dann – z.B. bis August 2021 – aber immer noch am Boden liegt? Es wird sicher sehr viel Flexibilität von allen Beteiligten gefordert sein.

Teilen Sie die Meinung, dass künftig der Business Travel Anteil schwinden könnte angesicht vermehrter Online-Meetings?

Diese Aussage scheint mir ebenso spekulativ wie die bis anhin immer falschen Vorhersagen in Bezug auf den generellen Wiederbeginn des Reisens. Natürlich hat man die Vorzüge von Online-Meetings nun erkannt, allerdings ist unklar ob diese in Zukunft physische Treffen eher ersetzen oder hauptsächlich ergänzen. Neue oder auch längerfristige Geschäftsbeziehungen in einem internationalen Umfeld – denken Sie an Asien - lassen sich nicht exklusiv per Video bewerkstelligen. Sicher, die Rückkehr des Geschäftsreisesegments wird länger dauern und das wird einen Einfluss auf die Erträge haben, vor allem natürlich in der Business Class. Allerdings hat man in den letzten Jahren bereits beobachten können, dass das touristische Segment stärker wächst als Business Travel, was auch wieder Perspektiven für die Premiumklassen bietet – schliesslich fliegen auch immer mehr Touristen in höheren Klassen, was eine gewisse Kompesation für eventuell ausbleibende Geschäftsreisende darstellt.

«Für die jüngsten Massnahmen habe ich gar kein Verständnis»

Wie verfolgen Sie die jüngsten Entwicklungen bei den Einreisebestimmungen. Welche Änderungen wünschen Sie sich?

Die Branche hat sich von Anfang an für Tests und gegen Quarantänen eingesetzt, nun haben wir leider Beides. Wir wünschten uns planbare Massnahmen, die auf dem Prinzip «Tests» beruhen, Quarantänen bringen aus unserer Sicht nichts und würgen generell jede Nachfrage ab. Was ja wahrscheinlich auch eines der behördlichen Ziele ist. Ein aus heutiger Sicht offensichtlich unerfüllbarer Wünsch wäre natürlich auch ein einheitliches europäisches Regelwerk.

Für die jüngsten Massnahmen seit dem 8. Februar habe ich gar kein Verständnis, hier wird willkürlich die Flugbranche diskriminiert: Wieso soll jeder ankommende Flugpassagier, egal ob er aus einem Risikoland oder Nicht-Risikoland anreist, zwingend vor Abflug einen negativen PCR-Test vorweisen müssen, wenn das für den Landverkehr nicht gilt? Es ist wichtig dass wir als Reise- und Tourismusbranche eine gemeinsame Stimme haben und uns entsprechend dafür einsetzen dass Reisen mit vernünftigem Aufwand wieder möglich sein wird.

Mit welchem Zukunftsszenario rechnen Sie?

Wenn der Beweis angetreten werden kann, dass eine Impfung auch gegen Übertragungen schützt, wird die Erholung der Branche planbar. Bis dahin kann ich diese Frage nicht beantworten. Die Menschen wollen reisen, aber wichtig wird sein, wann und wie die unglaublich komplexen Reiserestriktionen vereinfacht werden.