Flug

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Warten auf den Anschlussflug: Die Umsteigezeiten müssen in nächster Zeit wohl grosszügiger eingeplant werden. Bild: Marco Lopez

Die Konnektivität im globalen Flugverkehr wird leiden

Neue Auflagen an Flughäfen und für Airlines dürften längere Prozesse mit sich bringen. Damit wird auch das globale Netzwerk beeinträchtigt.

Zurzeit ist die Unsicherheit hinsichtlich dem Flugverkehr gross: Mit welchen Massnahmen ist an Bord zu rechnen? Wie ist das Flughafenerlebnis? Dazu liest man unzählige Artikel und Prognosen - und wer geflogen ist, wird derzeit von allen Seiten belagert, um einen Lagebericht abzuliefern. Eine Frage, die mich selber umtreibt, dreht sich um die «Minimal Connecting Time», also die kürzestmögliche Umsteigezeit an einem Flughafen. Denn im Herbst ist eine internationale Flugreise gebucht, mit Umsteigen in New York, gebucht bereits im letzten Jahr, wobei die Umsteigezeit immer noch dieselbe ist. Schon beim letzten Mal war es knapp. Wie wird es dieses Mal sein, wenn aufgrund neuer. Corona-bedingter Hygiene-Sicherheitsmassnahmen die Prozesse verlangsamt werden?

Man wird es abwarten müssen bzw. darauf hoffen, dass bis im Herbst die Airlines aufgrund der bis dann gemachten Erfahrungen allenfalls die Flugpläne ändern - wenn nicht gar annulliert wird.

Das Datenanalyseunternehmen OAG hat zumindest schon mal ausgerechnet, wie sich verlängerte MCT-Zeiten auf die weltweite Konnektivität von Flugrouten auswirken wird. Es wird davon ausgegangen, dass die erhöhten Reinigungsmassnahmen und auch die strengeren Gesundheitskontrollen von Passagieren und Massnahmen wie etwa versetztes Boarding die Prozesse verlangsamen. Die 20-Minuten-Turnarounds, eine der Säulen vieler Low-Cost-Airlines, sind dadurch in Gefahr. Aber auch die MCT, ein wesentlicher Bestandteil der Flugplanung und für vernünftige Flugbuchungen unerlässlich, wird davon früher oder später tangiert werden, was die Hub-Carrier vor Probleme stellen wird.

OAG hat sich fünf der grössten Hub-Flughäfen der Welt vorgeknöpft (Amsterdam, Dubai, London, Singapur, Chicago), und unter der Annahme, dass die MCT jeweils standardmässig 2 Stunden (120 Minuten) betragen würde, geschaut, welche Auswirkungen dies auf den Flugplan hätte - ob man Domestic oder International umsteigt, spielte dabei keine Rolle. Wohlbemerkt: Der Default liegt aktuell bei 45 Minuten fürs Umsteigen von International auf Domestic und bei 90 Minuten fürs Umsteigen von International auf International. Die Rechnung ist schnell gemacht: Mit den längeren MCTs reduzierte sich die Anzahl möglicher Verbindungen um 18,1 Prozent. Hochgerechnet auf die 50 grössten Flughäfen der Welt wäre diese Einbusse gleichbedeutend mit 70 Millionen weniger Passagieren. Für Airlines würde dies auch heissen, dass Flugzeuge, welche pro Tag bis zu 5 Rotationen fliegen können, vielleicht nur noch 4 fliegen - also ein Kapazitätsverlust und damit verbunden Arbeitsplatzverluste. Es sei denn, die Flughäfen können die Betriebszeiten verlängern...

Die Implikationen sind vielfältig. Die so genannten «Wellen» an Flughäfen müssten neu geplant werden, zumal am Start- und Zielort angepasst werden muss. Mit weniger Umsteigemöglichkeiten steigen wohl die Werte der Slots an den stark nachgefragten Flughäfen. Und wenn mehr Passagiere länger an den Flughäfen warten müssen, braucht es möglicherweise infrastrukturelle Anpassungen.

Ich warte jetzt mal ab, was bis im Herbst mit meinem Flug passiert, und werde allenfalls von meinem Flugerlebnis berichten. Ob bis dann die MCTs im Rahmen des «new normal» in der Luftfahrt angepasst sein werden oder nicht, steht bislang noch in den Sternen.

(JCR)