Flug

pogorevc_tobias_31.jpg
Tobias Pogorevc, CEO von Helvetic Airways, arbeitet im Krisenmodus und sagt: «Wir nehmen Tag für Tag». Bild: Thomas Lüthi

«Der Nachholbedarf für Ferien wird gross ausfallen»

Von Gregor Waser

Die zwölf Flugzeuge von Helvetic Airways stehen am Boden – so erlebt CEO Tobias Pogorevc das aktuelle Grounding. Das Reisejahr abgeschrieben hat er noch nicht.

Herr Pogorevc, Ihre gesamte Flotte steht am Boden. Wie erleben Sie als Airline-Chef diese Tage?

Tobias Pogorevc: Seit über einem Monat sind wir im Krisenmodus. Wir nehmen Tag für Tag. Heute sind wir in der Situation, dass wir alle zwölf Flugzeuge gegroundet haben. Am Montag haben wir zwei Maschinen nach Bern überflogen, heute Mittag fliegen vier weitere Maschinen nach Dübendorf, die werden dort parkiert. Vier stehen am Flughafen Zürich im Hangar, zwei Maschinen stehen draussen betriebsbereit.

Für welche Einsätze?

Für Repatriierungsflüge oder Spezialanfragen. Alle Maschine, die wir in Zürich haben, können innert kürzester Zeit abheben, ob Maschinen des Typs E1 oder E2. Auch die anderen können wir innerhalb von 24 Stunden in Einsatz bringen.

Wie gestaltet sich die personelle Situation bei Helvetic Airways?

Zum einen haben wir anfangs März entschieden, das angestrebte Wachstum nicht in der geplanten Form weiterzuführen. Wir sind auf die Bremse gestanden. Dazu haben wir ab dem 1. April für die komplette Belegschaft, knapp 450 Mitarbeiter, Kurzarbeit beantragt.

Wie fällt deren Pensum noch aus?

Ganz unterschiedlich, das fliegende Personal beansprucht fast vollumfänglich Kurzarbeit, teilweise auch das Büropersonal. Beim Dispatch, der Einsatzorganisation, haben wir eine Pikettorganisation aufgebaut. Bereiche wie die Wartung müssen wir mit einem höheren Pensum weiterziehen.

«Bereits nach drei Wochen Homeoffice haben die Leute den Lagerkoller»

Mit welchem Szenario vor Augen planen Sie die Wiederaufnahme des Betriebs?

Wir könnten den Betrieb der ganzen Flotte schnell wieder hochfahren innerhalb von wenigen Tagen. Man muss aber abwägen, ab wann es sich lohnt, die Flugzeuge bereitzustellen. Die Nachfrage muss schon vorhanden sein.

Welche Fragen stellen sich bei Ihnen?

Uns beschäftigt, wie der Bedarf seitens unserer Kunden ausfällt und generell die Frage, wie und wann die Reiserestriktionen aufgehoben werden. Was passiert mit den Städten oder Spanien? Italien? Griechenland? Die Mallorca-Strände dürften in diesem Sommer wohl noch nicht wieder voll sein. Die Frage stellt sich auch, wie sich die Hoteliers und Reiseveranstalter verhalten. Es ist schwer vorstellbar, dass Spanien und Italien den Tourismus lange brachliegen lassen können, der Tourismus stellt für diese Länder eine Lebensader dar. Wir vermuten aber, dass die grossen Flugzeuge mit 180 Plätzen nicht gefüllt werden können. Da sind wir mit unseren 110-Plätzern gut aufgestellt.

Wie kommt Helvetic Airways in dieser schwierigen Phase über die Runden?

Wir setzen auf alle möglichen internen und externen Einsparungen. Wir haben einen Einstellungsstopp ausgesprochen, wir haben Mitarbeitende zu unbezahltem Urlaub ermutigt, Kurzarbeit beantragt, bereits anfangs März alle unsere Geschäftsreisen sistiert und die Umflottung gestaffelt. Für die Überbrückung des sich anbahnenden Liquiditätsengpasses haben wir die Unterstützung unseres Eigentümers.

Embraer zeigt sich bei der gestaffelten Umflottung kooperativ?

Ja, diesen Schritt machen viele Gesellschaften, das Lieferdatum hinauszuschieben. Für die neuen Maschinen Nummern vier und fünf war dies nicht mehr möglich, aber für die weiteren Bestellungen. Gleichzeitig hat Brasilien mittlerweile an Orten wie Sao Paolo und Rio einen Lockdown, insofern ist der Zeitpunkt der Lieferung der Maschinen vier und fünf auch ungewiss.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Reisebranche?

Es sind natürlich schon viele niedergeschlagen. Aber dass man das Reisejahr gleich ganz abschreiben sollte, da bin ich anderer Meinung. Ich bin überzeugt, dass der Nachholbedarf gross ausfallen wird. Bereits nach drei Wochen Homeoffice haben die Leute den Lagerkoller. Sobald wieder Reisemöglichkeiten bestehen, wird die Nachfrage gross sein, da bin ich sicher. Vielleicht werden die Restriktionen im Mai gelockert und erste Reisen sind ab Juni wieder möglich. Hier eröffnet sich für Reiseveranstalter und Reisebüros doch eine Chance. Vielleicht ist es nicht der Trip mitten ins lebhafte Barcelona, eher vielleicht ins Hinterland von Andalusien, in dieses oder jenes kleinere Hotel. Für die Reisebranche eröffnet sich mit der kompetenten Beratung und der umfangreichen Erfahrung eine grosse Chance, um sich gegenüber Online-Portalen abzuheben.