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«Die Restrukturierung wird noch bis etwa Mitte 2020 dauern»

Von Jean-Claude Raemy

Seit rund drei Monaten ist Shpend Ibrahimi als CEO der Schweizer Ferienfluggesellschaft Chair aktiv. Gegenüber Travelnews erklärt er, wie es aktuell um die Airline steht und was die nächsten Ziele sind.

Herr Ibrahimi, wie ist das Geschäft 2019 gelaufen?

Das letzte Jahr war vor dem Hintergrund, welche Herausforderungen zu meistern waren, in erster Linie davon geprägt, einen sehr zuverlässigen Flugbetrieb zu gewährleisten. Es ist uns gelungen, in Rekordzeit ein neues Buchungssystem zu implementieren und wir waren innert 2-3 Wochen auf allen wichtigen Buchungskanälen wieder buchbar. Das war zweifelsohne eine Mammutaufgabe.

2019 war vor allem der Restrukturierung des Unternehmens gewidmet. Dabei wurden sämtliche Prozesse unter die Lupe genommen und wenn nötig optimiert. Es bleibt jedoch nicht dabei, der Wandel wird stetig vollzogen. Die Restrukturierung wird noch bis etwa Mitte dieses Jahres dauern. Den von uns strategisch notwendig eingeschlagenen Weg werden wir weiter gehen. Sprich: Es ist notwendig, das Unternehmen schlank und effizient aufzustellen, um überhaupt zukunftsfähig zu sein. Die Synergien mit unseren neuen Miteigentümer Enter Air werden einen entscheidenden Beitrag leisten.

In welcher Form erfolgt denn Letzteres?

Enter Air führt beispielsweise Flüge für uns durch, wenn eine unserer Maschinen in der Maintenance ist. Oder im Sommer haben wir eine grosse Nachfrage für Fixplätze nach Kos und Larnaka. Unsere 150-Plätzer sind in diesem Fall zu klein, sodass Enter Air die Flüge mit einer Boing B737-800 mit 189 Sitzplätzen durchführen wird.

Darf man wissen, was sich in Sachen zusätzlicher Flugzeuge oder neuen Destinationen tut?

Wir sind eine eigenständige Fluggesellschaft. Unsere Investoren Albex Aviation und Enter Air agieren dabei vornehmlich im Hintergrund. Die Synergien der Investoren haben aber bereits erfolgreich gefruchtet. Unser Hauptaugenmerk galt zunächst einmal der Stabilisierung des Unternehmens: Es galt, das Vertrauen der Reiseveranstalter und Kunden zurückzugewinnen oder auch neues aufzubauen.

Es ist uns gelungen, eine solide Basis aufzubauen und wir erwarten, dass die Voraussetzung für ein gesundes Wachstum ab Sommer 2021 gegeben sein wird. Als weiteren Ausblick sehen wir ein Potenzial der Kapazitätsvergrösserung zunächst durch einen Flottenwechsel auf A320 und neue Destinationen, jedoch alles zu seiner Zeit und auf dem richtigen Fundament.

Was sind die Erwartungen an die Flüge ab Basel und Genf? Wie kam diese Initiative bislang im Markt an?

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Flüge ab Basel und Genf nicht neu sind. Wir haben diese in der Vergangenheit bislang als Vollcharter für unseren Partner, den Reiseveranstalter Air Prishtina, durchgeführt. Neu dabei ist, dass sie jetzt als Linienflüge direkt auf chair.ch gebucht werden können. Somit sind diese Flüge auch auf allen anderen Kanälen wie z.B. OTA’s oder GDS buchbar. Man kann festhalten: Die Initiative wurde gut vom Markt aufgenommen. Wir sind zufrieden damit, wie der Verkauf angelaufen ist.

Wie lief bzw. läuft das Wintergeschäft mit Ägypten? Gibt es dort wieder eine Nachfrage wie zu Glanzzeiten?

Aus bekannten Gründen konnten wir das Winterprogramm leider erst etwas verspätet aufschalten. Das Ägypten-Geschäft lief für uns somit den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Von den «Glanzzeiten» sind wir allerdings noch etwas entfernt, wir arbeiten aber stetig daran.

«Wir sehen Potenzial zur Kapazitätsvergrösserung in einem Flottenwechsel auf A320.»  

Die Balkan-Flüge werden erstmals im Einzelplatzverkauf angeboten. Wie kommen Sie an diesen «Ethnic Markt» überhaupt heran?

Dies ist nur durch eine stabile Partnerschaft mit Air Prishtina möglich. In der Vergangenheit hat die ehemalige Germania Flug schon die Flüge für den Reiseveranstalter übernommen. Chair Airlines knüpft an dieses erfolgreiche Band an: Air Prishtina ist der führende Veranstalter für Flüge nach Prishtina, Ohrid und Skopje. Als Erweiterung vermarkten wir diese Destinationen nun ebenfalls über unseren Einzelplatzverkauf. Das hat den Vorteil, dass die Flüge auch über GDS und OTAs gebucht werden können. Somit erzielen wir eine noch grössere Reichweite.

Wie sehen Sie die generelle Preisentwicklung im Airline-Sektor bzw-. auf den von Ihnen angebotenen Linien? Welche Chancen und Herausforderungen gibt es da?

Aus unserer Sicht heissen wir eine Senkung der Gebühren am Flughafen Zürich willkommen, da er im Vergleich zu den teuersten Flughäfen gehört. Die Flugticketabgabe hingegen stellt eine Herausforderung dar. Es ist zu bezweifeln, ob die Preiserhöhung nur den Passagier betrifft. Ein einheitlicher gesamteuropäischer Ansatz wäre da durchaus angebracht.

Und zu guter Letzt bleibt der Konkurrenzkampf selbstverständlich auf gewissen Strecken vorhanden. Da gilt es, effizient zu sein und eng bzw. vertrauensvoll mit den Veranstaltern zu arbeiten.

Wie gestaltet sich eigentlich der Vertriebsmix bei Chair (stationäre Reisebüros vs. Direkt vs. Online)? Und wie viel ist Chartervolumen versus frei verkäuflich?

Mit den Flügen von Air Prishtina nach Pristina, Skopje und Ohrid haben wir selbstverständlich ein hohes Charter-Volumen. Auf dem touristischen Programm haben wir eine sehr ausgewogene Abnahme durch die Reiseveranstalter. Im Schnitt liegt etwa ein Drittel im Einzelplatzverkauf via Webseite, GDS, OTA’s und verschiedenen Reisebüros.

Etwa ein Drittel des Volumens wird über Einzelplatzverkauf generiert.

Wie gut kommt aus Ihrer Sicht das Branding bzw. die Marke «Chair» im Schweizer Markt an?

Die Branding-Agentur Branders konnte durch die Kreation die Essenz der Marke Chair Airlines in den Fokus rücken: Als ein junges, unkompliziertes und dynamisches Unternehmen, das einen fröhlichen, humor- und respektvollen und familiären Umgang mit seinen Partnern, Kunden und Mitarbeitenden pflegt und hier und dort auch einmal etwas frecher auftritt. Dieser dynamische Spirit wird auch im neuen Auftritt fühl- und sichtbar und kommt im Markt sehr gut an: Branders hat durch die Kreation unserer Marke bereits einige Awards gewonnen.

Wie sieht der Staff von Chair in der Schweiz heute aus?

Unser Management besteht aus einer dreiköpfigen Spitze: Nebst mir als CEO fungieren Anri Fontanive als CFO und Tobias Hossmann als COO. Mit Office, Piloten und Cabin Crew liegen wir bei rund 140 Mitarbeitern.

Gibt es inzwischen jemanden für die Position des CCO?

Derzeit wird die kommerzielle Abteilung von Chair Airlines in enger Zusammenarbeit mit Enter Air geführt.  Mit unseren drei Flugzeugen und dem grossen Volumen des Charterprogrammes von Air Prishtina ist diese Abteilung auch ohne einen dedicated CCO zu bewältigen. Wir werden diese Position zu gegebener Zeit besetzen.

Hat Chair übrigens die IOSA-Zertifizierung (als Germania erlangt, dann verloren und wieder ersucht) inzwischen wieder erhalten?

Wir erfüllen alle Industriestandards für den kommerziellen Betrieb von Flugzeugen und sind im Besitz der dafür notwendigen Zertifikate. Selbst den IOSA-Standard erfüllen wir. Aufgrund der Umstände war es uns zeitlich nicht möglich die angestandene Rezertifizierung fristgerecht 2019 durchzuführen. Wir haben uns deshalb bewusst für eine Verschiebung entschieden.