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Um die Braut attraktiv zu machen, will Indien 7 Milliarden Dollar Schulden von Air India "streichen" - also dem Steuerzahler aufbürden. Bild: sarangib

Wer will die Airline-Dinosaurier?

Air India und Alitalia will die Privatisierung einfach nicht gelingen. Es sieht so aus, als ob die Staaten weiterhin an ihren «National Carriern» festhalten. In Italien ist sogar wieder von einer kompletten Privatisierung von Alitalia die Rede. Solche Schutzmechanismen verzerren jedoch nur den Markt.

Der Fall von Thomas Cook zeigte, dass Tourismusunternehmen im Gegensatz etwa zu Banken nicht «too big to fail» sind. Airlines haben möglicherweise noch etwas mehr Systemrelevanz als Reiseveranstalter, aber wie Schweizer wissen, wurde auch die Swissair damals fallengelassen, als sie sich in eine massive Überschuldung manövriert hatte. Und doch gibt es gewisse Airlines, welche seit Jahren keine Gewinne erzielen, massiv überschuldet sind, und dennoch von den jeweiligen Staaten am Leben erhalten werden - trotz zahlreicher (gescheiterter) Privatisierungsversuche.

Nehmen wir zunächst einmal Air India. Schon über zwei Jahre dauern die Privatisierungsversuche an, bislang noch erfolglos. Die Löcher stopft weiterhin der indische Staat. Doch offenbar hat selbst dieser nun genug: Luftfahrtminister Hardeep Singh Puri liess verlauten, dass man Air India schliessen werde, falls der neuste Privatisierungsversuch nicht klappt. Bis zum 15. Dezember haben Firmen und Fonds die Möglichkeit, sich offiziell für Anteile oder gar die ganze Airline zu bewerben, also Angebote abzugeben.

Die 1932 gegründete Air India, ein Mitglied der Star Alliance, hat letztmals im Jahr 2007 einen Gewinn erzielt. Heute besitzt Air India mitsamt ihren Tochtergesellschaften Alliance Air und Air India Express 169 Flugzeuge und fliegt 55 Städte in Indien sowie 43 weitere Städte in 31 Ländern an. Das klingt eigentlich gut, gerade mit dem Milliardenmarkt der indischen Bevölkerung hinter sich. Doch Air India sitzt auf 11 Milliarden Dollar Schulden. Und hier kommt wieder der Staat ins Spiel: Um die Braut attraktiv zu machen, hat der Staat angekündigt, sieben der elf Milliarden Dollar an Schulden eigenhändig tilgen zu wollen - also dem indischen Steuerzahler aufzubürden. Darüber hinaus sollen alle Mitarbeitenden von Air India, denen bei der letzten Krise 2018 der Lohn um 25 Prozent gekürzt wurde, dieser vor einer Privatisierung nachgezahlt werden.

Die generelle Krise in der indischen Luftfahrt hat viele Gründe, unter anderem politisches Missmanagement, die schwache Rupie oder dergleichen, jedoch ist auch Air India selber ein Problem: Wer ohne wirtschaftliche Zwänge einfach rumwursteln kann, macht der Konkurrenz das Leben schwer - doch Konkurrenz würde das Geschäft beflügeln. Aktuell wird in Indien jedoch anders herum argumentiert: Air India müsse erhalten bleiben, denn ein Grounding - nachdem im April 2019 bereits Jet Airways bis zu einer allfälligen Übernahme gegroundet wurde - würde unweigerlich ein enormes Vakuum schaffen, welches von ausländischen Carriern besetzt würde und deutlich höhere Ticketpreise bedeuten würde. Es ist die ewiggleiche Frage dazu, ob wirklich nur ein «National Carrier» die nationalen Interessen vertritt (oder ob einfach der Markt spielen soll - wo eine Nachfrage ist, gibt es ein Angebot) und ob auf gut nachgefragten Strecken nicht automatisch marktgerechte Preise entstehen, im Gegensatz zur Situation, wenn ein National Carrier seine Marktmacht voll ausspielen kann.

Wie weiter bei Alitalia?

Ein vergleichbarer und deutlich näher zur Schweiz liegender Fall ist natürlich die Alitalia. De facto ist die Airline seit Mai 2017 insolvent und wurde seitdem mit staatlichen Überbrückungskrediten am Himmel gehalten. Im Juli 2019 wollte man die Zukunft geklärt haben und hatte dafür ein Bieterkonsortium auserkoren. Dieser Plan ist allerdings abermals gescheitert - und Alitalia machte zuletzt wieder mehr mit Streiks als mit neuen Strategien Schlagzeilen.

Diese Woche erklärte der italienische Premierminister Giuseppe Conte, dass man «Alternativen prüfe», eine Marktlösung jedoch «nicht in greifbarer Nähe» sei. Zwar seien Delta und die italienische Staatsbahn FIS weiterhin interessiert, aber Delta hat klargestellt, dass maximal 110 Millionen Dollar eingeschossen werden. Die Zahl kennt man aus dem Thomas-Cook-Zusammenhang und sie war auch dort viel zu klein. Die Bauunternehmung Atlantia ist offenbar ausgestiegen, weshalb die Konsortiums-Lösung vom Tisch ist. Die Lufthansa ihrerseits hat klargestellt, dass sie nur eine kommerzielle Kooperation anstreben würde, sich aber nicht zum Eigentümerkreis gesellen will. Die Gewerkschaftsstärke, die hohe Verschuldung, die schiere Grösse der Airline (die offenbar nicht kleingestutzt werden darf/kann) machen Alitalia nicht gerade zum attraktiven Investment-Objekt, trotz potenziell lukrativen Routen aus dem italienischen Markt heraus.

Die Lösung? Der Steuerzahler, wer denn sonst? «Eine Verstaatlichung wäre nicht unbedingt negativ», sagte Industrieminister Stefano Patuanelli neulich in einem Interview mit dem Radiosender Radio Capital. Der Populist von Cinque Stelle appellierte an den Patriotismus und garantierte, dass Alitalia nicht untergehen werde. Na dann wird freudig weitergewurstelt. Und die EU-Wettbewerbsbehörden werden weiterhin beide Augen zudrücken. Gewisse Airlines werden offenbar nie vernünftig wirtschaften müssen.

(JCR)