Flug

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Wohin fliegt Chair Airlines nach dem Abgang des bisherigen Führungsduos? Bild: TN

Kommentar Wackeliger Stuhl auf dem Runway

Von Gregor Waser

Bewegte fünf Jahre enden für Verwaltungsrat Urs A. Pelizzoni und CEO Tobias Somandin diese Woche mit der sofortigen Freistellung bei Chair Airlines. Wir rollen die Geschichte der einstigen Germania Flug AG und heutigen Chair Airlines auf und fragen: Wie weiter?

Die bewegte Geschichte der jüngsten Schweizer Airline beginnt im Winter 2014/15. Urs A. Pelizzoni und Tobias Somandin gründen mit der deutschen Germania als Mutter im Rücken die Schweizer Germania Flug AG. Die beiden Airbus A319 heben am 26. März 2015 erstmals ab – mit der Bemalung Holidayjet und Hotelplan Suisse als exklusivem Touroperator. Dazu ergänzt das Balkan-Geschäft von Air Prishtina das Businessmodell.

Nach nur fünf Monaten kommt es Ende August 2015 zum ersten Knall. Hotelplan Suisse kündigt die Zusammenarbeit per Ende Sommerflugplan. Ein dreijähriges Gezerre, welche Partei denn nun die Vertragsmodalitäten nicht eingehalten haben soll, folgt vor Gericht. Im Sommer 2018 blitzt Germania vor Bundesgericht ab. Rund eine Million Franken kostet der Rechtsstreit die Airline.

Auch ohne Hotelplan an Bord ist der Carrier ab Herbst 2015 in der Luft – sogar mit einer dritten Maschine, einem A321 und verstärktem Einzelplatzverkauf. Es folgen durchaus gute Jahre für die Germania Flug AG, mit breiter Abstützung in der Schweizer Reisebranche – ausser mit dem verkrachten Ex-Partner Hotelplan, versteht sich. Die Branche ist um eine preisgünstige Edelweiss-Alternative froh, auch heute noch. Dank dem Zugriff auf zusätzliche Flugzeuge, auf die Wartung, IT und weitere Mitarbeiter bei der Germania-Mutter agiert die kleine Schweizer Tochter im schwierigen Charter-Markt in den Jahren 2017 und 2018 solid – mit Pelizzoni als Airline-Tausendsassa bestens in der Schweizer Reisebranche vernetzt und dem im operativen Bereich gut fundierten CEO Somandin an der Spitze.

Ende 2018 verdichten sich aber die Wolken wieder. Die Mutter ist krank geworden. Am 9. Januar 2019 teilt die deutsche Germania mit: das Geld ist ausgegegangen. Es folgen Wochen des Bangens um eine zusätzliche Mittelbeschaffung und dem grösser werdenden Fragezeichen, wie es mit der Schweizer Tochter weitergehen soll.

Unbekannter Retter

Mitte Februar 2019 melden Pelizzoni und Somandin, die Germania Flug AG sei gerettet, dank einem neuen Investor und die Airline sei nun 100 Prozent schweizerisch. Wer der Retter ist, bleibt vorerst unbekannt.

Einige Tage später wird klar: Leyla Ibrahimi-Salahi, Chefin von Air Prishtina und Albex Aviation, hat die neuen Mittel beigesteuert. Einige Woche später werden die Pläne eines Rebrandings bekannt, Chair lautet der überraschende Name. Mitte Juni 2019 wird publik, dass Chair 49 Prozent der Aktien an die polnische Enter Air abtritt.

Die neu zusammengewürfelte Crew legt los, streicht zwar einige Strecken wie Palma und Las Palmas, wo der Konkurrenzdruck enorm ist, verstärkt das Balkan-Geschäft und Pelizzoni und Ibrahimi besuchen am Swiss Travel Day vor einem Monat noch gemeinsam die Reisebranchen-Partner. Doch einen Monat später, am 25. November, gibt die Airline bekannt: Pelizzoni und Somandin sind im Zuge einer Verschlankung ab sofort freigestellt.

Diese Fragen sind offen

Im Gespräch mit Urs A. Pelizzoni am Tag nach der Trennung unterstreicht dieser, dass man im Frieden auseinander gehe und die am Vortag versandte Pressemitteilung gemeinsam verfasst worden sei. In den letzten sechs bis neun Monaten habe er mit Somandin die Airline saniert und zusammen mit dem neuen Aktionariat nun einen neuen Businessplan erstellt. Es lässt durchblicken, dass es dabei um die Zusammenlegung der einzelnen Bereiche von Enter Air, Air Prishtina und Chair ging, ob etwa bei Versicherungen, Groundhandling oder kommerziellem Bereich und dass es naturgemäss um eine Verschlankung ging. Touroperators und Chair-Partner könnten künftg jedenfalls auf eine schlagkräftige Airline und eine solide weitere Zusammenarbeit zählen.

So harmonisch der Abgang von Pelizzoni und Somandin bei Chair Airlines erscheinen mag, es bleiben einige Fragen offen, wie es mit dem Carrier weitergeht.

Der Blick auf den Sommerflugplan 2020 zeigt, Chair wird neben dem Balkangeschäft auch weiterhin ein starkes Standbein beim Mittelmeer-Badeferiengeschäft haben. Zwar hat man der hartumkämpften Strecke Zürich-Palma den Rücken gekehrt – Eurowings-Kampfpreise ab 40 Franken lassen grüssen –, dafür sind aber auch neue Destinationen wie Djerba hinzugekommen.

Doch wie ernst ist es Chair Airlines mit den Badeferien-Rennstrecken? Mit der Pelizzoni-Freistellung hat man beste Verbindungen zu den Reiseveranstaltern gekappt. Und im Gespräch mit Touroperators ist zu hören, dass sich Chair schwer damit tue, wegzukommen von der alten Kontingents-Denkweise. Schweizer Reiseveranstalter sind immer weniger bereit, ganze Kontingente oder Teilkontingente von Airlines zu übernehmen, ausser mal zu Hochsaison-Zeiten wie den Herbstferien. Offensichtlich baut Chair aber nach wie vor darauf, die Risiken mittels Kontingenten abzutreten, statt verstärkt den Einzelplatzverkauf zuzulassen, der in Zeiten von Dynamic Packaging für Touroperators so wichtig wäre.

Bye, bye Badeferien?

Im Balkan-Geschäft, wo Air Prishtina deutlicher Marktführer ist und die Kundenströme bestens kennt, sind die Risiken um ein vielfaches kleiner und der Yield an Spitzendaten ungleich grösser. Dass sich Chair eines Tages vollumfänglich auf den Balkan-Traffic konzentrieren könnte, ist denkbar, für die Auslastung der drei Maschinen wäre mit den zahlreichen Strecken und Flügen ab Zürich, Basel und Genf nach Pristina, Ohrid und Skopje jedenfalls gesorgt. Wie die künftigen Aktivitäten im Badeferien-Geschäft von Chair Airlines über das Jahr 2020 hinaus aussehen werden, muss sich zeigen. Ein alternativer Carrier wäre in der Schweizer Reisebranche weiterhin erwünscht.

So sehr die drei Airbus A319 mit ihrer Bemalung an die Skianzüge von Wendy Holdener und Beat Feuz erinnern mögen und so dominant das Schweizer Kreuz an der Heckflosse erstrahlt: Ein Fragezeichen um die Swissness steht im Raum. Das albanisch-schweizerisch-polnische Aktionariat steht da eher für einen europaweit abgestützten Carrier, mit Call-Centern und operationellem Support in Warschau und Pristina. Wieviel Kloten oder Glattbrugg künfig noch auszumachen ist, wird sich zeigen. Zumindest soll es neben den Abgängen vom Pelizzoni und Somandin nicht zu weiterem Aderlass in der bisherigen Chair-Crew gekommen sein.