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Das Louvre Abu Dhabi bei der feierlichen Eröffnung am 11. November 2017: Im Emirat wird Kultur von Weltformat angeboten. Bild: Louvre Abu Dhabi

Abu Dhabi mausert sich zur Kulturhauptstadt des Orients

Die Eröffnung des Louvre Abu Dhabi vor einem Monat schlug hohe Wellen. Doch das ist erst der Beginn einer ganzen Reihe hochkultureller Initiativen.

Man stelle sich vor: Vor 60 Jahren war Abu Dhabi noch ein Dorf, dessen Haupterwerbszweige Fischfang und Perlentauchen waren. Mit dem Erdölboom wurde die Stadt innert weniger Jahrzehnte zu einer blühenden Metropole. Erst 1971 wurden die Vereinigten Arabischen Emirate (V.A.E.) unabhängig; Hauptstadt ist bis heute Abu Dhabi - wobei Dubai in punkto Einwohnerzahl noch explosiver gewachsen ist und heute grösste Stadt der V.A.E. ist.

«In Abu Dhabi ist alles ein bisschen entspannter als in Dubai», bemerkt Sandra Praschak von der Abu Dhabi Tourism & Culture Authority bei einem Pressebesuch in Zürich. Sie ist mit Kollegin Bernadette Krefeld-Vehma auf Europa-Tournee (Zürich, Wien, Berlin), um das Emirat und die Stadt zu promoten. Der Zeitpunkt ist natürlich nicht zufällig: Vor etwas mehr als einem Monat wurde das Louvre Abu Dhabi eröffnet, ein Ableger des weltberühmten Pariser Louvre-Museums. Dessen Eröffnung ist allerdings nur der Startschuss zu einem gigantischen Projekt, welches Abu Dhabi zu einer globalen Top-Adresse im Bereich Kunst und Kultur machen soll.

Sie präsentierten Abu Dhabi in Zürich (v.l.): Sandra Praschak und Bernadette Krefeld-Vehma von der Tourism & Culture Authority Abu Dhabi in München. Bild: TN

Ein Museum der Superlative

Die Idee für das Louvre Abu Dhabi entstand eigentlich schon 2007. Damals entstand im Rahmen eines Kooperationsvertrags mit Frankreich die Museumsgruppe «Agence France Museums», welcher 17 namhafte Museen aus dem Pariser Grossraum angehören, und deren Zweck es ist, Abu Dhabi beim Aufbau eines neuen Kulturhubs zu helfen. Die Namensrechte des Louvre für Abu Dhabi wurden im Rahmen dieses Kooperationsvertrags auf 30 Jahre zugesichert, dazu die Ausleihe von Kunstwerken für eine Zeitdauer von zehn Jahren ab Eröffnung des Louvre Abu Dhabi.

Für den Bau des ersten universellen Museums der arabischen Welt wurde dann auch gleich ein Franzose verpflichtet: Stararchitekt Jean Nouvel. Gemäss seinen Plänen bildet das Louvre Abu Dhabi eine Art «Museumsstadt» mit diversen Zonen, über welcher eine gigantische Kuppel thront, in welcher mehr Eisen als im Eiffelturm verbaut ist. Der Clou: Die Kuppel erlaubt den Einfall von Tageslicht in einer Art «Lichtregen», so dass in den Ausstellungsräumen ein Effekt wie in einem Innenstadt-Souk entsteht. 

Zu den Exponaten gehören natürlich Stücke aus dem Louvre, aber auch von anderen Museen wie dem Centre Pompidou, dem Musée Rodin oder dem Musée du Quai Branly. Doch das Louvre Abu Dhabi hat in den letzten Jahren auch fleissig selber Kunst gesammelt. Der bislang grösste Coup gelang erst letzte Woche: Bei einer Auktion in New York wurde das Werk «Salvator Mundi» von Leonardo Da Vinci für 450 Millionen Dollar ersteigert. Die Rekordsumme stammte von einem saudischen Prinzen, welcher das Bild umgehend dem Louvre Abu Dhabi zur Verfügung stellte. Bemerkenswert, dass ein millionenteures Christusbild künftig in einem muslimischen Land ausgestellt sein wird. Es zeigt aber auch, wie entspannt und eben universell in Abu Dhabi an Kunst herangegangen wird.

Ein Viertel nur für Kultur

Das Louvre Abu Dhabi ist nämlich erst der Anfang. Das Louvre Abu Dhabi steht aktuell noch etwas alleine am westlichen Zipfel der Insel Saadiyat, nördlich des Stadtzentrums von Abu Dhabi (welches ebenfalls auf einer Insel im Golf liegt). Doch es erhält bald Gesellschaft: Derzeit entsteht rund um das Louvre der «Saadiyat Cultural District», der zum Kulturhub im Orient werden soll.

Noch nicht eröffnet, aber fix geplant sind dabei unter anderem die Eröffnung des Sheikh Zayed National Museum, welches dem Gründer der V.A.E., Sheikh Zyaed Bin Sultan Al Nahya, gewidmet ist und den ganzen Prozess rund um die Vereinigung der Emirate und deren Boom seit den 60er Jahren beleuchten soll. Für dessen Bau ist der britische Stararchitekt Norman Foster zuständig. Anschliessend soll dann auch noch das Guggenheim Abu Dhabi (Bild unten) eröffnet werden, welches wie das berühmte Gegenstück in Bilbao von Stararchitekt Frank Gehry konzipiert wird. Ein genauer Zeitpunkt für die Eröffnung liegt noch nicht vor.

Kulturell ist aber schon jetzt viel los in Abu Dhabi, und nicht nur seit der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi. Bereits seit Ende Oktober offen ist beispielsweise das Manarat al Saadiyat, ebenfalls auf der Insel Saadiyat unweit des Louvre, welches verschiedene Kunstgalerien umfasst. Bereits seit 2014 gibt es die NYUAD Art Gallery, einen Ableger des Kulturinstituts der New York University, welche einen Campus in Abu Dhabi hat, und seit 2016 die Kunsthalle Warehouse 421.

So wird das von Frank Gehry konzipierte Guggenheim Abu Dhabi aussehen. Bild: Saadiyat Cultural District

Eine Stadt in voller Blüte

Natürlich beschränken sich die Neuheiten in Abu Dhabi aber nicht nur auf Kulturelles. Schliesslich gehört auch noch weitere touristische Infrastruktur dorthin. Auf Saadiyat werden angesichts der Museums-Eröffnungen 2018 auch je ein Rotana und ein Jumeirah Hotel eröffnen.

Ebenfalls nächstes Jahr soll die Warner Bros. World Abu Dhabi eröffnen, in welchem dann auch das erste Warner Bros. Hotel der Welt zu finden sein wird. Dieses wird auf Yas Island liegen. Ebenfalls auf Yas Island eröffnet dann auch Clymb, eine Indoor-Extremsporthalle mit der höchsten Kletterwand der Welt. Diese beiden neuen Erlebnisbereiche bilden, gemeinsam mit dem 2019 eröffnenden Hotel Hilton Yas Island, das Herzstück des neuen Viertels Yas Bay.

Man kann überdies auch bestehende Attraktionen aufpeppen. So wird das bislang an einem Abend erlaubte Joggen/Velofahren auf der Formel-1-Rennstrecke auf Yas Island ab nächstem Jahr an drei Tagen möglich sein (der Mittwoch ist Frauen vorbehalten). Das Rennen im riesigen Stadion wird mit DJs und Verpflegungsmöglichkeiten attraktiver gemacht.

Mit anderen Worten: Die bisherige Top-Attraktion von Abu Dhabi, die imposante Sheikh Zyaed Moschee, erhält in Kürze ernsthafte Konkurrenz vor der eigenen Türe. Für Schweizer natürlich besonders interessant: Mit Etihad Airways ist Abu Dhabi in wenigen Stunden täglich ab Zürich und Genf erreichbar. Das neue Midfield Terminal am Flughafen von Abu Dhabi, welches 2019 eröffnet, soll dannzumal auch neue Standards im Flughafenbereich setzen. Der V.A.E.-interne Kampf um Touristen gegen Dubai geht somit in eine spannende nächste Runde.

Es geht auch ruhiger

Wer übrigens glaubt, Ferien in Abu Dhabi sind einzig auf das Stadt-Erlebnis beschränkt, irrt gewaltig. Abu Dhabi ist nämlich das mit Abstand grösste Emirat der V.A.E. und bietet entsprechend viel Platz für Exkursionen in die umgebenden Wüstengebiete, Oasen oder auch andere Städte. Zu diesen zählt etwa Al Ain östlich von Abu Dhabi, eine seit 4000 Jahren besiedelte Wüstenstadt, die zum Unesco-Welterbe zählt und wo man historische Souks, Oasen oder spezielle Erlebnisse mit Falknern findet. Oder Al Dhafra, gleich südlich von Abu Dhabi, wo der Arabian Wildlife Park liegt und ein historisches Fort sowie ein malerisches Kamelfestival zum Besuch laden. 

Weiter entfernt, etwa zwei Autostunden von Abu Dhabi in südlicher Richtung, lädt das Hotel Qasr al Sarab von Anantara zum Wüsten-Erlebnis. Ab dem Luxushotel sind auch Selbstfahrer-Touren möglich, wo in der Wüste übernachtet wird.

In diesem Zusammenhang interessant: Aktuell werden im Emirat lokale Tourguides ausgebildet, welche man künftig online oder möglicherweise via Reiseveranstalter buchen kann. Die Idee: Velotouren oder Behind-the-Scenes-Touren in einzelnen Vierteln der Stadt mit einheimischen statt fremden Führern unternehmen zu können. Aktuell gibt es erst sehr wenige Emirati-Tourguides, doch das soll sich dank dem jüngst initiierten Programm bald ändern.

Nicht zuletzt soll Künstler Christo sein seit 1977 geplantes Megaprojekt Mastaba bald abschliessen. Mit 400'000 Ölfässern soll die grösste Skulptur der Welt unweit von Abu Dhabi entstehen, welche sogar grösser als die ägyptischen Pyramiden sein wird. Das Projekt erfuhr 2012 einen Relaunch; ein Eröffnungstermin steht aber noch nicht.

(JCR)