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Die Erholung des Tourismussektors ist für die Türkei lebenswichtig. Bild: Fotolia

Wie steht es wirklich um den Tourismus in der Türkei?

Von Ben West

Viele Touristen haben in letzter Zeit die Türkei als Ferienziel ausgeschlossen. Doch der türkische Tourismussektor erweist sich als belastbar.

Konsumenten werden täglich mit widersprüchlichen Nachrichten und Informationen aus Zeitungen, Magazinen, Webseiten und Sozialen Medien zugedeckt. Wie soll man da noch wissen, was stimmt und was nicht?

Auf den Tourismus bezogen ist dieser Umstand besonders relevant, wenn es um die Einschätzung von Reiserisiken geht. Regierungen sowie Nationale Fremdenverkehrsämter beklagen sich regelmässig darüber, dass ihr Land von den Behörden und Reisenden eines anderen Landes als «potenziell gefährlich» eingestuft wird. Einheimische klagen oft, dass die behördlichen Reisehinweise eine Überreaktion, Panikmache oder Hysterie sind. Umgekehrt beklagen sich Reisende, welche einen terroristischen Akt oder einfachen kriminellen Aktivitäten ausgesetzt sind, oft darüber, dass die Warnungen nicht deutlich genug waren.

Für ein Land war diese Risiko-Einschätzung und öffentliche Wahrnehmung in den letzten Jahren besonders kritisch: Die Türkei, welche an die Krisenherde Syrien und Irak angrenzt und gleichzeitig ein Mittelmeer-Ferienparadies ist, musste in jüngster Zeit oft damit klarkommen, dass sie in den Medien als «gefährlich» oder zumindest als «heikel zu bereisen» taxiert wird. Man liest über angeblich verlassene Ferienresorts als Folge der Flüchtlingskrise, über Ängste vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs als Folge des Putschversuchs vom letzten Jahr, von der Eisernen Hand, mit welcher Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land führt, von Angst vor terroristischen Angriffen. In den Reisehinweisen stehen Warnungen vor möglichen Anschlägen islamischer und/oder kurdischer Organisationen - vor allem vom muslimischen IS oder von der kurdischen PKK. Darüber hinaus führte der Abschuss eines russischen Jets nahe der syrischen Grenze dazu, dass Russland, der damals zweitwichtigste touristische Quellmarkt der Türkei, seinen Bürgern die Einreise zu Ferienzwecken in die Türkei temporär verbot. 

Der türkische Reisesektor ist wieder am erstarken

Schon nur einer der oben genannten Faktoren hätte die Tourismusindustrie von manch anderem Land gebodigt. Doch der türkische Tourismus ist widerstandsfähig. Ich habe das Land vor wenigen Wochen bereist und konnte feststellen, wie die Tourismusbranche sich erholt, und generell in viel besserer Verfassung ist, als es im europäischen Westen allgemein angenommen wird.

Im Juni besuchte ich Antalya und flog via Istanbul dorthin. Ich erwartete, leere Flugzeuge zu besteigen und in den Resorts ausreichend Platz am Pool zu haben. Flasch gedacht: Alle vier Flüge, auf dem Hin- und Rückweg, waren sehr gut ausgebucht, darunter auch eine Boeing 777-300ER mit 400 Sitzplätzen. Vor Ort wohnte ich im Xanadu Resort Hotel in Belek, mit 421 Zimmern recht gross, war gut ausgelastet. In den Strassen von Antalya herrschte geschäftiges Treiben. Und: Ich fühlte mich die ganze Zeit absolut sicher.

Es scheint also, als ob in der Türkei wieder «business as usual» herrscht. Das ist überraschend angesichts der katastrophalen letzten Jahrs. Spricht man mit lokalen Anbietern und Tourismusvertretern, ist die Rede davon, dass der Tourismus generell um rund 40 Prozent einbrach, die Besucherzahlen aus gewissen Ländern gar um 80 Prozent zurückgingen, dass die Flugkapazitäten aus dem Ausland reduziert wurden und viele Betten in vielen Hotels kalt blieben.

70 Prozent günstiger als noch 2015

Dass die Flüge und die Strandresorts wieder gut ausgelastet sind, hat damit zu tun, dass sich der türkische Tourismussektor erfolgreich den grossen Herausforderungen gestellt hat. Die Regierung hat den Hotels spezielle Kredite gewährt und manchen Fluggesellschaften Treibstoffsubventionen gewährt, um die Attraktivität des Standorts zu wahren. Manche Hoteliers haben in ihre Infrastruktur investiert, gleichzeitig aber auch grosszügige Rabatte - in einem ohnehin schon vergleichsweise günstigen Umfeld - gewährt. In manchen Resorts lag der durchschnittliche Zimmerpreis zeitweilig um 70 Prozent tiefer als zum selben Zeitpunkt im Jahr 2015.

Diese Belastbarkeit, diese Widerstandsfähigkeit der ganzen Branche zahlt sich jetzt langsam aus. Die Touristen kommen zurück. Im April lagen die Besucherzahlen um 18 Prozent höher als im April 2016, bei knapp über zwei Millionen Besuchern. Allerdings muss man auch realistisch bleiben: Das Jahr 2016 ausgeschlossen, war die Besucherzahl im April 2017 trotzdem so tief wie zuletzt 2010. Aber die Türkei ist auf dem Weg zurück.

Doch obwohl anscheinend wieder mehr Menschen das Land besuchen, bleibt die Frage, die sich jeder stellen muss: Soll man das Land besuchen? Es gab schliesslich Terrorangriffe in Istanbul und Ankara. Ja, aber die Touristenorte an den Küsten haben bislang keine Probleme erlebt. Und viele Touristen, welche Angst vor Terroranschlägen haben, kommen aus London, Berlin oder Paris - Städte, welche selber mit Terrorismus zu kämpfen haben. Gewiss, absolute Sicherheit gibt es nirgends, aber in der Türkei ist die Polizeipräsenz, in Uniform wie in Zivil, deutlich erhöht worden, und bei vielen Hotels und Attraktionen sind ebenfalls klare Sicherheitsmassnahmen zu sehen, wie Scanner und Detektoren bei den Eingängen.

Natürlich gibt es auch jene Touristen, welche das Land meiden, weil sie mit den Aktionen der türkischen Regierung nicht einverstanden sind. Das ist an sich legitim. Doch muss man auch konsequent sein. Viele Touristen besuchen Länder, deren Regierungen Standpunkte vertreten, welche von besagten Touristen im Prinzip ganz klar abgelehnt werden - und doch hält es sie nicht von der Reise ab. Warum sollte dies bei der Türkei anders sein? Ausserdem ist die Regierung das eine. Das andere sind die Hoteliers, Taxifahrer, Kellner und andere, deren wirtschaftliches Überleben direkt mit dem Tourismusgeschäft verknüpft ist. Sie, aber auch die Türkei als Ganzes, brauchen einen starken Tourismus und die daraus gewonnenen Devisen, und zwar dringend.

Obwohl also die Zahlen wieder besser sind und die Türkei durchaus wieder lockt, ist es noch ein langer Weg zurück zu alter Stärke.