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Morgenröte für den Tourismus nach Russland. Im Bild die Holzkirchen von Kischi, ein Unesco-Weltkulturerbe.

In Osteuropa steppt der Bär

Von Jean-Claude Raemy

Osteuropa ist im Trend. Sogar Russland-Reisen werden wieder vermehrt nachgefragt. Travelnews.ch hat sich bei den Spezialisten umgehört.

Russland erlebte 2015 ein touristisches «Annus horribilis». Dies lag vor allem an den 2014 ausgebrochenen politischen Krisen, welche Russland durch die Annexion der Krim und den kriegerischen Handlungen in der Ukraine ausgelöst hatte, und gipfelte im bis heute nicht restlos aufgeklärten Abschuss einer Passagiermaschine von Malaysia Airlines über der Ukraine im Juli 2014. Im darauffolgenden Jahr wollte fast niemand mehr nach Russland reisen.

Inzwischen weiss man aber, dass das Gedächtnis der reisenden Bevölkerung nur kurz währt. Oder anders gesagt: Reisen nach Russland sind wieder deutlich stärker nachgefragt, was die Schweizer Russland- und Osteuropa-Spezialisten bestätigen.

Christian Rothenfluh, Geschäftsführer von Kira Travel, erklärt: «2015 war wirklich schlimm, doch 2016 haben die Reisen bereits wieder um 50 Prozent zugenommen und auch 2017 liegen wir über Vorjahr. Allerdings sind wir noch nicht zurück auf den Zahlen von 2014, welches trotz allem ein sehr gutes Jahr für uns war.» Felix Sandmayr, Geschäftsführer Atlas Reisen und Leiter Spezialreisen bei Media Touristik, doppelt nach: «Es gibt einen klaren Aufwärtstrend für Russland. Die Kundschaft hat sich an Putin gewöhnt.» In die gleiche Kerbe schlägt Nicole Bratke, PM Russland/Baltikum bei Kontiki Reisen: «Die weltpolitische Situation beeinflusst das Reiseerlebnis in Russland nicht und man kann sicher dorthin reisen. Zudem hat das letzte Jahr verdeutlicht, dass wir als Reisende auch in beliebten westeuropäischen Zielen nicht vor Gefahren gefeit sind.»

Rubel-Schwäche sorgt für billigere Reisen

Für den Zuwachs spricht im Prinzip auch der derzeit schwache Rubel, was alle drei Befragten bestätigen. Dazu Rothenfluh: «Der Rubel ist letztes Jahr um etwa 10% eingebrochen. Dies geben wir auch weiter. Allerdings sind die Rubelpreise per se vielerorts nicht gesunken, sondern sogar eher gestiegen, weil die Nachfrage von Einheimischen stark gestiegen ist.» Sandmayr sieht auch die «Überschwemmung des russischen Markts mit chinesischen Touristen» als einen Grund für fehlende Preisnachlässe.

Zugpferde des Russland-Tourismus sind bei allen drei Unternehmen natürlich St. Petersburg, wo man befristet ohne Visum einreisen kann, sowie Städtekombinationen St. Petersburg/Moskau. Diese Städte sind ja mit Swiss und Aeroflot (nur Moskau) bestens nonstop an die Schweiz angebunden. Beliebt sind zudem Reisen in der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Wladiwostok, oder zumindest Teilabschnitte davon. Bei Kira machen diese Angebote rund 60% des Umsatzes aus. Was wird noch gebucht? «Im Sommer ist auch Kamtschatka, im äussersten Osten Russlands, sowie Flusskreuzfahrten auf diversen russischen Flüssen zunehmend beliebt», konstatiert Sandmayr, während laut Bratke auch weniger bekannte Regionen wie der Baikalsee oder Karelien «hoch im Kurs» stehen, darüber hinaus auch Städtekombinationen mit anderen nordischen Metropolen, also z.B. St. Petersburg/Helsinki.

Ukraine-Nachfrage fast bei Null

Die Nachfrage für Reisen in die Ukraine sei jedoch weiterhin «praktisch tot», so Sandmayr. Rothenfluh spricht von ganz wenigen Anfragen für Lemberg oder Kiew, dazu habe es neulich sogar Anfragen für die Krim gegeben – obwohl das EDA von Reisen auf die russisch besetzte ukrainische Halbinsel abrät. Negativ sei hier, dass nun für Besuche der Krim ein russisches Visum beantragt werden muss. Die Ukraine kann man dagegen weiterhin visumsfrei bereisen.

Osteuropa ist ein klares Trendziel

Während die Ukraine darbt und sich Russland langsam erholt, liegt Osteuropa seit einiger Zeit klar im Trend. Immer öfter reisen auch jüngere Personen, denen man keine «Ostalgie» zuschreiben, in Städte jenseits des früheren «Eisernen Vorhangs» - und zwar nicht nur nach Prag oder Budapest.

Diese Einschätzung wird auch bei Kira Travel geteilt: «Osteuropa hat sein verstaubtes Image längst abgelegt und trumpft mit tollen Städten, wo die Infrastruktur gut und die Sicherheit gewährleistet sind», konstatiert Christian Rothenfluh. Besonders Riga (Bild unten) habe es den Jungen angetan, dank der idealen Kombination aus Schönheit und pulsierendem Nachtleben zu vernünftigen Preisen.

Riga in Lettland ist ein Top-Trendziel

Sein Geheimtipp ist jedoch der Kaukasus: «Georgien, Aserbaidschan und Armenien erwachen langsam und werden immer mehr nachgefragt. Besonders Georgien und dessen Hauptstadt Tiflis ist eine Reise wert – schon nur wegen dem vorzüglichen Essen und den lokalen Weinen», schwärmt Rothenfluh.

Auch bei Media Touristik ist das Baltikum top, dabei insbesondere Riga – obwohl Felix Sandmayrs persönlicher Favorit Tallinn ist. «Prag ist natürlich der Renner, während Budapest zuletzt schwächer nachgefragt wurde», erklärt er, «wobei im Gruppenreisesegment besonders Südpolen und Krakau beliebt sind.» Vereinzelt gebe es auch Anfragen für Rumänien, in der Regel für die Region Siebenbürgen. Sandmayrs persönlicher Geheimtipp? «Die Insel Saaremaa in Estland – ein Traum».

Bei Kontiki Reisen schliesslich, wo von Osteuropa nur das Baltikum angeboten wird, spricht Nicole Bratke von einer sehr guten Entwicklung und einem stetig steigenden Bekanntheitsgrad. Ein Ausbau auf andere osteuropäische Ziele sei momentan nicht vorgesehen: «Nachhaltigkeit ist unser grosses Thema und wir haben noch sehr viel Potential, den nachhaltigen Tourismus in den baltischen Staaten zu fördern.» Man habe viel vor, um das Projekt auch in dieser Region voranzutreiben.