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Warten vor der Bank: Ein normales Bild derzeit in Indien. Bild: Wikipedia.

Einwurf 90 Minuten bis zum Schalter

Von Linda von Euw

Die Travelnews-Redaktorin musste während ihrem Indien-Trip bei Zoll und Banken einige Geduld aufbringen.

Zum Ende des letzten Jahres verbrachte ich zwei Wochen in Indien. Ich freute mich, das neue E-Visum ausprobieren zu können. Seit 26. Februar 2016 dürfen auch Schweizer Bürger ihr Visum für Indien vereinfacht online beantragen, solange sie nicht mehr als 30 Tage im Land bleiben. Das Gute daran: Man muss nicht wie früher extra zum Fotografen, um die Passfotos im exakten Format 5cm x 5cm anfertigen zu lassen, die man dann zusammen mit dem Reisepass und dem ausgefüllten umfassenden Fragebogen der indischen Botschaft in Bern oder Genf zusenden muss. Dabei durfte man auch nicht vergessen, den Beleg der Überweisung via Einzahlungsschein beizulegen.

Mit rund 120 Franken war das Visum auch nicht gerade günstig. Also alles in allem darf man sagen: Das E-Visum erleichtert zumindest den Einholungsprozess! Zwar benötigt man zwingend einen Computer und auch einen Scanner, da man die Kopie des Passes sowie ein Passfoto trotzdem noch online übermitteln muss – aber wenigstens werden einem der Gang zum Fotografen und der zur Post erspart. Und auch das Portemonnaie wird geschont: Das Visum kostet nur noch 45 US-Dollar, die per Kreditkarte überwiesen werden können.

So weit so gut. Am Flughafen Delhi angekommen, musste ich mich erst einmal orientieren, da sich vor mir eine sehr lange Reihe mit Schaltern auftat. Wie in Indien üblich, standen glücklicherweise ausreichend Mitarbeitende zur Verfügung, die die Touristen mit einem E-Visa zu den weiter hinter gelegenen und speziell gekennzeichneten Schaltern lotsten. Zwar wies keiner der koordinierenden Männer daraufhin, dass man nach wie vor die Arrival Card ausfüllen muss, aber als Indienreisende mit Erfahrung erledigte ich dies praktisch automatisch.

Schwierigkeiten bei der Einreise mit dem E-Visum

Gut gerüstet, stellte ich mich in die Reihe. Vor mir standen vielleicht acht Leute – da dürfte die Einreise ja schnell vonstatten gehen, dachte ich. Und wurde eines besseren belehrt: Gut 90 Minuten dauerte es, bis der Mann hinter dem Schalter den acht Menschen vor mir die Fingerabdrücke abgenommen, ein Foto gemacht und die Dokumente abgestempelt hatte. Eine britisch-indische Dame unterhielt bei ihrer Immigration ungewollt die sich mittlerweile immer grösser werdende Menschenmenge: Da die Frau offenbar öfters nach Indien reiste, waren ihre Fingerabdrücke bereits im System hinterlegt. Nun hatte das Lesegerät offenbar ein Problem – der Mann hinter dem Schalter war ratlos, da sein Computer meldete, dass die bereits gespeicherten Fingerabdrücke der Frau nicht mit den neu abgegebenen übereinstimmten. Obwohl dies dem Beamten auch spanisch vorzukommen schien, wich er nicht von seinem Kurs ab. Erst nach einem fünfzehnminuten dauernden hin- und her, den immer lauter werdenden Stimmen der Wartenden sowie dem Hinzuziehen eines Supervisors wurden der Dame dann die Echtheit ihrer Fingerabdrücke anerkannt und sie durfte einreisen.

Meine Fingerabdrücke akzeptierte die Maschine in moderater Zeit, so dass ich noch kurz am Schalter in der Flughafenhalle Geld wechseln wollte, damit ich meinem Fahrer und den Hotelangestellten Trinkgeld geben konnte. Natürlich hatte ich von der Währungsreform vom 9. November 2016 gehört, aber am Flughafen Geld zu wechseln, sollte ja kein Problem sein. 45 Minuten später hatte ich meine Meinung geändert: Geldwechseln ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. An allen Flughafen-Wechselstuben durfte man pro Person maximal 2000 Rupien wechseln. Das sind umgerechnet 35 Schweizer Franken.Viele der Wechselstuben hatten bereits ein Schild angebracht, auf dem „Out of cash“ stand. 

85 Prozent aller bislang im Umlauf gewesenen Geldnoten sind ungültig

Immerhin hatte ich jetzt 2000 Rupien. Ausserdem war ich noch im Besitz von rund 8000 Rupien, in Form der alten und seit der Währungsreform nicht mehr gültigen 500er- und 1000er-Noten. Diese beiden Noten machten bislang übrigens etwa 85 Prozent aller ausgegebenen Geldnoten in Indien aus. Ich ging davon aus, dass man das Geld sicherlich irgendwo bei einer Bank gegen Neues umtauschen konnte. Der indische Premierminister Narendra Modi hatte dies schliesslich mit Bekanntgeben der Währungsreform so versprochen. Blöd nur, dass die Banken davon nichts wussten. Auch sie erfuhren - wie der Rest der indischen Bevölkerung - von der Währungsreform aus den lokalen Medien.

Das Ergebnis bis heute: Vor jeder Bank reihen sich zu jeder Tageszeit die Menschen bis weit auf die Strasse. Bargeld ist überall knapp. Bringt man ausreichend Zeit mit und besitzt ein Bankkonto – was längst nicht alle Einwohner Indiens tun – kann man versuchen, das alte Geld bei der Bank zu deponieren. Die Auswirkung im Land: Egal, was man kaufen will – die Bezahlung via Kreditkarte wird überall bevorzugt. Für die Touristen ist dies weniger schlimm – die Leidtragenden sind die Einheimischen. Da der Geldwechsel für die Touristen beschwerlich ist, sie aber praktisch überall mit Karte zahlen können, geht dies zum einen auf Kosten der Trinkgelder, die für Tourismus-Mitarbeitende ein wichtiges Zusatzeinkommen darstellen. Zum anderen müssen die Bewohner Indiens auf den lokalen Märkten, wo sie Gemüse und andere Lebensmittel kaufen, in bar bezahlen. Das ist für die Verkäufer wie für die Einkäufer ein echtes Problem.

Die Währungsreform plante der Premierminister mit Absicht heimlich – damit sollten das florierende Schwarzgeld sowie Korruption eingedämmt werden. Ausgelöst wurde aber in erster Linie ein riesiges Chaos, das viele verzweifelte Einheimische zurücklässt. Ich hatte Glück: In den von mir besuchten Hotels, konnte ich regelmässig kleinere Beträge wechseln. Mein altes Geld wurde in Agra und in Fatephur Sikri noch zur Bezahlung der Eintrittsgebühren zu den Sehenswürdigkeiten akzeptiert, mittlerweile geht aber auch dies nicht mehr. Indien-Reisende tun also gut daran, eine funktionierende Kreditkarte und viel Geduld mitzubringen. Wer trotzdem Trinkgelder geben möchte, nimmt am besten US-Dollar mit, diese werden praktisch überall gerne angenommen.