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Saranda am Ionischen Meer: eines zahlreicher Highlights an der albanischen Küste. Bild: Fotolia

Albanien, bald das neue Spanien?

Von Ben West

Während Jahrzehnten wurde Albanien von Touristen gemieden. Jetzt gilt das Land als Ferienziel, das man im Auge behalten sollte.

Albanien wurde erst vor zwei Dekaden für Besucher geöffnet; in den vorangegangenen Jahren durchlief das Land die Entwicklung vom Kommunismus zum Kapitalismus, erlebte einen wirtschaftlichen Kollaps, den Zusammenbruch von Staatsinstitutionen sowie schwerwiegende soziale Krisen. Während mehr als 40 Jahren war es ein autoritärer Staat, der vieles unter dem Deckel hielt.

Seit einiger Zeit bemüht sich die Regierung jedoch ernsthaft, die Korruption einzudämmen, die Rechtstaatlichkeit aufrecht zu halten und Investoren anzuziehen. Auch die Infrastruktur wächst rasant. Neben dem 2008 eröffneten Mutter Theresa-International Airport entstanden verbesserte Verbindungen in den Kosovo und den Süden des Landes. Eine Fahrt von Tirana zum Badeort Saranda am Ionischen Meer dauert heute nur noch halb so lange wie früher.

Die Weltbank hat Albanien Kredite von insgesamt 2,4 Milliarden US-Dollar (2,32 Milliarden Franken) gewährt. Daneben pumpen der Internationale Währungsfonds und private Investoren Geld in das Land. Im «Doing Business»-Report der Weltbank machte Albanien im Bereich «Registering Property» 40 Plätze gut und rückte vom 108. auf den 68. Rang vor (von 189 Ländern). 2013 betrug das Volumen der ausländischen Direktinvestitionen 1,22 Milliarden USD (1,16 Milliarden Franken), dies entspricht einem Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und seit Juni 2014 ist Albanien offizieller EU-Beitrittskandidat, um den Weg zur Europäischen Union zu ebnen, hat man eigens den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair angeheuert.

362 Kilometer Küste

Die touristischen Ankünfte haben sich in jüngster Zeit mehr als verdreifacht – gemäss der Weltbank von 1'062'000 im Jahr 2007 auf 3'341'000 im Jahr 2014. Die Zahl der Schweizer Albanien-Reisenden stieg noch schneller an: 2005 besuchten noch 6150 Schweizer das Land, 2012 waren es bereits 42'546.

Zwischen dem Kosovo, Montenegro, Mazedonien und Griechenland gelegen, hat Albanien touristisch viel zu bieten. Es verfügt über intakte Natur, 362 Kilometer atemberaubende, unverdorbene Küste an der Adria und am Ionischen Meer sowie eine zerklüftete Berglandschaft im Landesinnern, die perfekt zum Wandern oder für Abenteuersport ist. Man findet Landstriche voller griechischer, römischer und byzantinischer Überreste, darunter drei Unesco Welterbe-Stätten: Die Ruinen von Butrint sowie die Osmanischen Städte Gjirokaster und Berat. Albanien hat mehr als 190 Sonnentage im Jahr und das selbe Klima wie St. Tropez.

Ausserdem sind die Lebenskosten tief: Für ein Chateaubriand in einem Restaurant in Tirana bezahlte ich umgerechnet 6 Franken, eine Pizza Margherita oder ein Teller Pasta gibt es für 2.50 Franken, ein Bier für 1.50 Franken. Tickets für die Oper sind ab 3 Franken zu haben.

Die Hauptstadt Tirana ist eine exotische Kreuzung zwischen Westeuropa und dem alten Russland, gewürzt mit einer Prise Naher Osten. Ihre ehemals schläfrige Atmosphäre verschwindet mehr und mehr, stattdessen findet man ein herausgeputztes Zentrum mit neu geteerten, von Palmen gesäumten Boulevards. In den letzten Jahren sprossen unzählige Neubauten aus dem Boden, der Hauptplatz wurde aufgewertet und neu bepflanzt, und wenn man den Lift zur Bar an der Spitze des Sky Towers nimmt und auf das Panorama der Stadt mit ihren flachen Häusern und den Bergen im Hintergrund blickt, sieht man eine aufgefrischte Metropole voller pastellfarbener Bauten in pink, blau, braun, gelb und rot.

Entwicklung in hohem Tempo

Edi Rama, der Bürgermeister von Tirana (und seit 2013 Ministerpräsident Albaniens) hat dafür gesorgt, dass die alten, schmutziggrauen Gebäude aus der Zeit des Kommunismus mit Farbe versehen wurden. Für die Verschönerung kam die Stadtkasse auf. Entlang Albaniens Küste wurden zahlreiche touristische Projekte realisiert.

Zu den bekanntesten gehört Lalzit Bay, die nur 45 Kilometer von der Hauptstadt entfernt ist. Das Küstenresort, das an das Naturreservat Bishtarake angerenzt, wurde von Briten finanziert und von Australiern designt. Auf 20 Hektaren Land befinden sich Villas, Wohnungen und ein Hotel. Tennisplätze, Swimmingpools, ein Beach Club und ein Spa sind in Planung. Obschon Albanien den Strandtourismus fördern möchte, strebt es im Gegensatz zu Spanien oder Griechenland keinen Massentourismus an.

Stattdessen legt es den Fokus auf Umweltfreundlichkeit, kulturelle Reisen, Agrotourismus, Wandern und Bergferien. Seit die Regierung ein Jagdverbot für die Lagunen der Adria erlassen hat, erfreuen sich Vogelbeobachtungs- und Natur-Exkursionen einer grossen Beliebtheit bei Touristen. Im Nationalpark Divjake leben 242 der 330 albanischen Vogelarten, darunter der seltene Dalmatinische Pelikan, der grösste Vogel Europas, riesige Schwärme Weissstörche, Flamingos und viele andere.

Albanien entwickelt sich in hohem Tempo, dennoch gibt es noch viel zu tun. Denn trotz der wachsenden Einreisezahlen befindet sich die Destination weit davon entfernt, ein touristischer Hotspot zu sein. Obwohl das Land Potenzial hat, muss es den schlechten Ruf loswerden, den es seiner kriminellen und korrupten Vergangenheit zu verdanken hat. Zudem sind der internationale Tourismus und die Hotellerie relativ neue Wirtschaftszweige, für die Erfahrungswerte fehlen. Bis Albanien-Ferien so etabliert sind wie Trips ins übrige Europa, ist es noch ein weiter Weg.