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Die USA öffnen sich primär für einheimische Touristen - bei der internationalen Öffnung gibt es noch wenig Bewegung. Bild: Tim Mossholder

Die Öffnung Nordamerikas lässt noch auf sich warten

In den USA öffnen zahllose Attraktionen wieder, die Flugpläne werden hochgefahren, die Zuversicht steigt, dass das wichtigste Fernziel der Schweizer bald bereist werden kann. Mit der internationalen Öffnung dürfte es aber noch mehrere Monate dauern.

In den letzten Tagen gab es im Prinzip viel Positives zur Reisesituation mit den USA zu vermelden. Da wären die Öffnung der Disney-Parks, das touristische Erwachen in New York, die vollständige Öffnung von Las Vegas ohne jegliche Einschränkungen ab dem 1. Juni (hier nachzulesen), Washington DC plant die vollständie Wiedereröffnung per 11. Juni - um nur einige zu nennen. Auch die Flugverbindungen werden hochgefahren; Swiss verkehrt bereits zu diversen US-Zielen und auch United Airlines hat jüngst eine Frequenzerhöhung ab Zürich in Aussicht gestellt, während immer mehr andere Airlines die Flüge wieder aufnehmen bzw. die Frequenzen erhöhen (soeben hat beispielsweise La Compagnie angekündigt, wieder mit ihren All-Business-Class-Flügen von Paris nach New York zu beginnen).

Diese und weitere Beispiele haben zu einer ziemlich grossen Erwartungshaltung hinsichtlich einer baldigen Öffnung der USA für internationale Reisende geführt. Verstärkt wurde dies noch durch den am Mittwoch gefällten EU-Entscheid, bei dem sich die 27 EU-Staaten auf ein gemeinsames Zertifikat für Covid19-Impfnachweise und -Tests verständigt haben. Demnach soll der «Green Pass» noch im Juni ausgegeben werden. In diesem Zusammenhang wichtig: Personen von ausserhalb des EU-/Schengen-Raums, welche vollständig geimpft sind, sollen wieder frei einreisen können. Noch steht hier die formelle Zustimmung aus, aber grundsätzlich ist damit Amerikanern die zuletzt verbotene Einreise in den europäischen Raum bald wieder erlaubt.

Das ist einerseits für den Incoming-Tourismus vieler Länder, darunter der Schweiz, eine frohe Botschaft, andererseits auch für Airlines, welche damit auch wieder auf US-Passagiere im wichtigen Transatlantikgeschäft zählen dürfen. Und man ging doch davon aus, dass es bei einer solchen Öffnung schnell im Rahmen des Reziprozitäts-Prinzips auch zu Öffnungen für Europäer in Richtung USA kommen werde. Das Lobbying wurde bereits hochgefahren, mit dem früheren Swiss-CEO und heutigen Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister, der die mediale Keule auspackte und argumentierte, dass die Nachfrage nach USA-Tickets derart steige, dass es nun rasch eine Perspektive für USA-Reisen brauche. Ihm zufolge verzeichnen Verbindungen nach New York, Miami und Los Angeles ein Buchungsplus von bis zu 300 Prozent, daher stocken die Airlines der Lufthansa Group das Angebot von und nach USA ab Juni weiter auf.

Doch wird es im Juni bereits die lang ersehnte Lockerung geben? Damit ist wohl vorerst - leider - nicht zu rechnen.

Kopplung an die Situation in Kanada

Zum einen hat die Nachrichtenagentur Reuters zwar vermeldet, dass die US-Regierung von Präsident Joe Biden durchaus an Änderungen des Einreisegesetzes arbeite, mit diversen Meetings sowie Treffen mit Tourismusvertretern auf höchster Ebene. Auf die Frage, ob demnächst zumindest geimpfte Europäer einreisen dürften, lautete die offizielle Antwort aus dem Weissen Haus aber, es gebe aktuell keine Pläne hinsichtlich einer Änderung der Reisebestimmungen. Die U.S. Travel Association konnte nichts anderes tun als zu veröffentlichen, dass sie hofft, dass der europäische Weg der Öffnung für interkontinentale Reisende auch in den USA Schule machen möge.

Wie Travelnews erfahren hat - von einer leider nicht namentlich erwähnbaren US-Quelle - gibt es diverse Überlegungen, welche einer schnellen Öffnung aktuell noch im Weg sind. Eine davon ist die Situation an der Grenze zum nördlichen Nachbarland Kanada. Diese aus US-Sicht wichtigste Grenze ist aktuell weiterhin geschlossen (ausser für Geschäftsreisende und weitere Personen mit Ausnahmebewilligung). Im Prinzip wäre auf beiden Seiten der Wille da, die Grenze möglichst rasch zu öffnen, doch Kanada hat jüngst diverse «Corona-Setbacks» verzeichnet - weshalb es im April auch notfallmässig auf die Risikoländerliste des BAG kam und inzwischen auf der neusten Risikoländerliste als «Staat mit einer besorgniserregenden Variante», also einer Corona-Mutation, gelistet ist. Die US-Regierung soll den Standpunkt vertreten, dass eine Öffnung eigentlich eine Öffnung von ganz Nordamerika sein soll, also die Grenzen zwischen den USA und Kanada öffnen sollen und danach gleich gemeinsam eine weitere internationale Öffnung möglich wird.

Das ist insofern besorgniserregend, als dass Kanada selber eine Öffnung wohl erst ab Herbst als realistisch ansieht. Marsha Walden, President & CEO von Destination Canada, erklärte jüngst beim «Inside Track» der abermals virtuellen stattfindenden Reisemesse «Rendezvous Canada», dass gemäss den kanadischen Behörden eine Lockerung der Grenzbestimmungen erst dann möglich sei, wenn 75% aller Kanadier den ersten und 20% auch schon den zweiten Corona-Impfstich erhalten haben - die Hoffnung laute zwar, dies bis zum «Canada Day» (am 1. Juli) zu erreichen, aber die eigenen Daten von Destination Canada hinsichtlich Impfraten deuten darauf hin, dass es ziemlich sicher Herbst wird bis die Impfziele erreicht sind und Grenzen öffnen können. Zu spät also für die Sommersaison.

Gleichzeitig äusserte Walden ihre grosse Unterstützung für eine kanadische Version des Impfpasses an. Hier ist die Situation allerdings auch recht zerfahren in Nordamerika. In der US-Regierung gibt es offenbar Widerstand von diversen Staaten, welche sich gegen einen Impfpass stellen - darunter etwa Florida. Florida gehört zu jenen Staaten, welche eine relativ einschränkungsfreie Wiedereröffnung bereits umgesetzt haben, ebenso wie etwa Texas. Entgegen den Befürchtungen ist es gerade in diesen zwei Staaten deswegen bislang nicht zu nennenswerten Steigerungen der Corona-Inzidenzen gekommen. Doch wie sieht die internationale Staatengemeinschaft die Situation, wenn die USA gar keinen Impfpass ausstellen sollten?

Und: Das Primat über eine Öffnung der US-Grenzen wird, obwohl hier natürlich unterschiedlichste Departements mitarbeiten, beim «U.S. Center for Disease Control & Prevention» (CDC) liegen, also hauptsächlich auf gesundheitlichen Aspekten fussen und nicht so sehr auf wirtschaftlichen oder politischen. Was nicht heisst, dass es nicht zu einer gestaffelten Öffnung kommen könnte, bei welcher vollständig Geimpfte Vorteile haben: US-Transportminister Pete Buttigieg sagte, man könne entweder auf ganze Länder oder aber auf einzelne Reisende schauen bei der Festsetzung der Einreisebestimmungen.

Der Inlandtourismus hat Vorrang

Vorläufig müssen sich die USA aber ohnehin einmal «intern sortieren». Sprich, es gibt landesintern noch Restriktionen bei den einzelnen Bundesstaaten. Manche sind bereits offen, andere öffnen im Juni, bei weiteren fehlt ein klares Öffnungsdatum noch vollständig. In der Regel gibt es Kriterien entlang dem Impfstatus der Bundesstaats-Bevölkerung oder auch der epidemiologischen Entwicklung. Die «New York Times» bietet eine hervorragende, vollständige Übersicht zur Situation hinsichtlich der Wiedereröffnung der einzelnen US-Bundesstaaten.

Wohl erst wenn alle Staaten offen sind, wird auch die Diskussion über die Öffnung der Bundesgrenzen wieder stärker angestossen. Es bleibt also bislang nebulös, wann die Öffnung stattfinden kann. Man darf weiter auf einen Zeitpunkt im Juli hoffen, aber realistisch gesehen scheint der Herbst wahrscheinlicher zu sein. Wenn es früh genug im Herbst ist, würden immerhin noch Herbstferien in den USA drinliegen.

Bis dahin wird sich die US-Reisebranche mit der dort immerhin recht starken Domestic-Nachfrage begnügen müssen. Dafür werden jetzt Vorkehrungen getroffen und Erfahrung bei der Wiedereröffnung gesammelt, welche dann auch bei einer internationalen Öffnung nützlich sind. Auch da gibt es aber unterschiedliche Handhabungen. All zu strikt scheint man nicht zu sein; an diversen Orten wird beispielsweise auch Ungeimpften lediglich empfohlen, Maske zu tragen - allerdings ohne Zwang. Bleibt also zu hoffen, dass auch mit den inneramerikanischen Lockerungsschritten die Corona-Situation weiterhin unter Kontrolle bleibt, dann reicht es vielleicht doch noch mit einer Öffnung in einem der Sommermonate. But don't hold your breath.

(JCR)