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Die Schweiz kommt in Österreich gut an, stellt Urs Weber fest. Er ist Market Manager Österreich von Schweiz Tourismus. Bild: ST

«Schweizer sind freundlicher als Österreicher»

Von Artur K. Vogel

Die Schweiz wird als Reiseziel für Österreicherinnen und Österreicher interessanter, wenn erst einmal die Pandemie überwunden ist. Davon ist Urs Weber, Market Manager Österreich von Schweiz Tourismus, überzeugt. Neben Nähe, Sicherheit, Vielfalt und Luxus schätzten sie an der Schweiz vor allem auch den Öffentlichen Verkehr.

Herr Weber, Österreich ist bei Schweizern beliebt, sei es zum Skifahren, sei es für Städtereisen nach Wien oder Salzburg. Umgekehrt kann man das aber nicht unbedingt sagen. Wie hoch ist denn die Zahl der Logiernächte von Österreichern in der Schweiz?

Urs Weber: 2020 war natürlich ein Ausnahmejahr. Bis 2019 bewegten sich die jährlichen Logiernächte österreichischer Gäste in der Schweiz zwischen 375‘000 und 380‘000; zwischen 2015 und 2019 verzeichneten wir ein jährliches Plus von etwa 1,1%.

Der Reisemarkt ist im vergangenen Jahr wegen Covid-19 eingebrochen. Denken Sie, dass Österreich als Quellmarkt zulegen kann, wenn die Pandemie einmal unter Kontrolle ist?

Ja, davon sind wir bei Schweiz Tourismus überzeugt. Die Erfahrungen aus dem letzten Sommer zeigen, dass Übernachtungen aus den unmittelbaren Nachbarmärkten schneller anziehen, sobald wieder gereist werden kann.

Es gibt eine ganz frische Tourismusstudie (Dez. 2020), laut der die Schweiz – als «sicheres» Nachbarland – auf vermehrtes Interesse stösst. Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Die repräsentative Studie, die wir im Rahmen des Verbandes «Cercle Diplomatique» mit den wichtigsten Zielländern Österreichs über die Fachhochschule Krems durchführten, ergab folgende für die Schweiz wichtige Resultate: 55,8 % der Österreicherinnen und Österreicher planen 2021 eine Reise ins Ausland. Bei den Wunsch-Reisezielen liegt die Schweiz – leicht verbessert – auf Rang 8. Abgesehen von Deutschland (zumindest teilweise) sind alle Konkurrenten Meer- bzw. Bade-Destinationen.

Im Sommer gehen Österreicher bestimmt am liebsten an den Strand. Und im Winter haben sie ihre eigenen Wintersportgebiete. Was finden sie denn an der Schweiz attraktiv?

Unsere Natur – die noch höheren Berge, tieferen Täler, die einmaligen Panoramen – beeindrucken die Österreicherinnen und Österreicher. Natürlich punkten auch unsere schneesicheren Skigebiete: die Gipfelstation in Kitzbühel liegt knapp unter 2000 m ü.M. St. Moritz, Zermatt und andere Schweizer Winterdestinationen dagegen fangen knapp unter dieser Höhe erst an. Die Vielfalt ist ein wichtiges Thema; vier Sprach- und Kulturräume mit entsprechend unterschiedlichen Küchen sind gerade auch bei Rundreisen spannend. Solche Rundreisen gehören übrigens zu den wichtigsten Reisemotiven der österreichischen Gäste in der Schweiz. Hinzu kommt die Nähe: Von der Schweiz aus ist man rasch wieder zu Hause. Die Sicherheit. Die hohe Qualität des Gesundheitswesens und der öffentlichen Einrichtungen in der Schweiz. Und dann der Öffentlichen Verkehr: In Österreich ist bekannt, dass wir ein ausserordentlich gutes ÖV-Netz haben. Darüber hinaus gehört das Ferienland Schweiz nicht zu den überlaufenen Regionen, ist also keine Destination für die Massen.

«Österreichische Gäste geben 50 Prozent mehr aus als deutsche Gäste.»

Worauf fokussiert Schweiz Tourismus bei der Propagierung unseres Landes in Österreich?

Wir setzen den Hebel da an, wo wir nach unseren Marktforschungsdaten und unserer Erfahrung die besten Chancen haben: Sommerferien (60% der Österreicherinnen und Österreicher kommen im Sommer in die Schweiz); Rundreisen (inklusive ÖV – und speziell auch die Grand Tour of Switzerland); Städtetrips; Kunst und Kultur; Luxus.

Sie sagen, dass Sie auf Medienreisen immer wieder österreichische Journalisten treffen, welche die Schweiz kaum kennen. Unternehmen wir genug, um unser Land in Österreich bekannt zu machen?

Natürlich könnte man mit einem höheren Marketingbudget immer noch mehr erreichen – wobei der Aufwand zur Gewinnung von Hotellogiernächten über dem aktuellen Niveau überproportional höhere Investments nötig machen würde. Dieses Budget kann die Schweizer Tourismuswerbung in anderen Ländern gegenwärtig effektiver einsetzen.

Die Schweiz gilt als teuer, was zumindest beim Essen auch stimmt. Achten österreichische Urlauber auf die Qualität des Gebotenen, und sind sie bereit, dafür auch Geld auszugeben, oder lassen sie sich vom Schweizer Kostenniveau abschrecken?

Das hohe Preisniveau bei uns ist bekannt – das stimmt. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wir nicht die ganze Bandbreite der Gästesegmente haben. Aber das wünschen wir uns ja auch nicht. Massentourismus war und ist nie Ziel der Schweizer Tourismusbranche.

Gibt es fundierte Erkenntnisse bzw. vergleichende Studien über die Ausgabebereitschaft verschiedener Nationen?

Ja. Und hier schneiden österreichische Gäste hervorragend ab: pro Kopf und Tag geben sie mit durchschnittlich 190 Franken etwa gleichviel aus wie Gäste aus Luxemburg, fast 50% mehr als Gäste aus Deutschland und auch deutlich mehr als Schweizer Touristen im Inland.

Schweizer schwärmen von der Freundlichkeit im österreichischen Gastgewerbe. Unser Land hat diesen Ruf nicht. Sind wir wirklich weniger freundlich?  

Ich begleite regelmässig kleinere Journalistengruppen in die Schweiz. Seit etwa sechs Jahren frage ich sie am letzten Tag, wer denn aus ihrer Sicht freundlicher sei, Schweizer oder Österreicher. Auch wenn man es als Schweizer kaum glaubt: Weit über 90% der Medienleute sagten mir, dass Schweizer freundlicher und höflicher sind als die Österreicher. Meine Erfahrung wird durch die Gästebefragung des Tourismus Monitor Schweiz (2017) bestätigt: Hier nennen die österreichischen Gäste die Gastfreundschaft in der Schweiz oftmals als einer ihrer Hauptreisegründe, gleich nach dem ÖV. Aus meiner Sicht sind die Österreicher allerdings etwas unkomplizierter und charmanter.

«Der touristische Wettbewerb zwischen unseren Ländern ist aus meiner Sicht sehr gut und attraktiv.»

Österreicher lieben Rundreisen, sagen Sie. Die Schweiz hat zwei ausgeklügelte Produkte im Angebot, die Grand Tour of Switzerland und die Grand Train Tour of Switzerland. Werden diese von österreichischen Gästen genutzt (wir reden immer von «normalen» Jahren)? Gibt es dazu Zahlen?

Österreicherinnen und Österreicher sind wie gesagt begeisterte Rundreisende. Wir sehen dies auch anhand der Nachfrage von Reiseveranstaltern, welche Programme diese aufnehmen: Gerade die Panoramabahnen – aktuell vor allem Bernina und Glacier Express – laufen sehr gut. Ich gehe davon aus, dass Gäste, die diese Touren einmal gemacht haben, später auch für den Gotthard Panorama Express, die GoldenPass-Route oder den Voralpenexpress gewonnen werden können. Momentan sehen wir etwas bessere Chancen für die Grand Tour of Switzerland im eigenen Auto, da dabei das notwendige Social Distancing gewährleistet ist. Nicht zu vergessen, dass die gesamte Grand Tour dank einem dichten Netz von Ladestationen auch mit Elektro-Fahrzeugen befahren werden kann.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die ÖBB in den letzten Jahren immer besser geworden ist. Hat das dazu geführt, dass Österreicher vermehrt die Bahn benutzen, auch im Ausland?

Auf jeden Fall. Die ÖBB haben sich in den letzten Jahren sehr positiv verändert und gehören in Europa zu den führenden Bahnen. Besonders auffällig ist der Ausbau des Netzes ins Ausland mit den vielen Nachtzügen. Dieses Image ist sehr sichtbar. Die ÖBB sind sehr fortschrittlich; davon profitiert auch der ÖV in die und in der Schweiz.

Wenn sich Österreicherinnen und Österreicher auf die Rundreise begeben: Wo nächtigen sie denn? Eher auf dem Campingplatz und in der Jugendherberge, oder eher in Häusern der gehobeneren Kategorie?

Knapp 60 % der österreichischen Gäste übernachten in Hotels. Ca. 12% von ihnen in der Fünfsternhotellerie, 38% in Viersterne-, 45% in Dreisterne-Häusern.

Angeboten wird unter anderem die Kombination mit «Typically Swiss Hotels»; es gibt auch Vereinigungen wie Swiss Deluxe Hotels oder Relais & Châteaux. Existieren Zahlen darüber, wie viele österreichische Touristen solche Angebote nutzen?

Konkrete und aktuelle Zahlen haben wir leider noch nicht. Wir wissen jedoch, dass solche Vermarktungskooperationen eine sehr gute Performance aufweisen.

Die Schweiz und Österreich werben um ähnliche Märkte, sind also Konkurrenten. Ist diese Tatsache eher belebend oder behindernd?

Der touristische Wettbewerb zwischen unseren Ländern ist aus meiner Sicht sehr gut und attraktiv. Wir versuchen nicht, uns gegenseitig preislich zu unterbieten; der Wettbewerb findet vielmehr um Qualität, Kreativität und Innovation statt. Beide Seiten beneiden einander. Das fordert unsere Schweizer Tourismusbranche heraus, vielleicht etwas charmanter mit unseren Gästen umzugehen; die Kolleginnen und Kollegen in Österreich wiederum bemühen sich um ein stärkeres Engagement für den Öffentlichen Verkehr und mehr Stabilität bei den Finanzierungen.