Destinationen

food_nyc2.jpg
In Brooklyn und Queens ist Jonas Sulzberger schon auf viele kulinarische Tempel und Tempelchen gestossen. Bild: JS

Auf Food-Tour in den Outer Boroughs von N.Y.C.

Von Jonas Sulzberger

«Da wäre ich jetzt gerne» heisst die Travelnews-Serie über traumhafte Orte, an die man sich in diesen Wochen des Reisestillstands sehr gerne zurückerinnert. Heute: Jonas Sulzberger schwärmt von kulinarischen Entdeckungen in New York.

Während des Gastro-Lockdowns ist die Sehnsucht gross, mal wieder in die Beiz zu gehen. Und eigentlich bin ich kein Wiederholungstäter, wenn es um’s Reisen geht: New York City ist da aber eine Ausnahme. Denn Essen ist für mich ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Reise. Als Tourist bin ich meistens nur der Zuschauer an der Seitenlinie. Essen ist die erste Form von Interaktion.

Die Metropole beherbergt unzählige Gastro-Einrichtungen und jeden Tag entstanden wieder neue Kulinarik-Tempel und Tempelchen. Vor allem die Tempelchen lagen mir dabei am Herzen, die sich abseits des Times Square Trubels bewegten – viele davon in den Outer Boroughs wie zum Beispiel Brooklyn oder Queens. Meine New York Aufenthalte waren auch meistens in verschiedene Übernachtungsorte aufgeteilt, sodass ich den «Vibe» dieser Gegenden besser zu spüren bekam.

Im Big Apple kann ich mich auf eine kulinarische Weltreise begeben, und dies ist dem Zuzug der vielen verschiedenen Ethnien geschuldet. So entstanden Übernamen für gewisse Stadtteile wie die hierzulande bekannten Little Italy oder Chinatown. In N.Y.C. ist alles noch diverser und kleinteiliger: Hier gibt es ein Little Senegal, ein Little Ukraine oder ein Little Bangladesh. In diesen Vierteln bestand nie ein Bedarf die Küche in irgendeiner Form dem amerikanischen oder internationalen Geschmack anzupassen. Die Micro-Communities wollten so essen wie «zu Hause» und mittlerweile wollen es auch die New Yorker so. Natürlich kann man nicht ein Kenner all dieser Weltküchen sein, aber man schmeckt es selbst als «Anfänger» heraus.

So kommt in mir die Sehnsucht herauf, wenn ich an das weltbeste vegane Gericht (Quinoa-Risotto mit Shiitake Pilzen und Spargeln) denke, welches ich beim Peruaner in Long Island City (Queens) gegessen habe. Ich verdanke N.Y.C. die Erkenntnis, dass es neben Italien ein weiteres Nudel-Epizentrum gibt, welches Xi'an heisst. Asien lief in Sachen Sandwiches nie auf meinem Radar auf: Die vietnamesischen Banh Mi in Little Saigon haben mich eines Besseren belehrt. Die scharfe Küche von Szechuan bescherte mir die ein oder andere Geschmacksexplosion, Orte für exzellente Japanische Ramen gibt es etliche.

Gleich zwei Mal diniert

Auch amerikanische Küche kommt in N.Y.C. nicht zu kurz. In Hoboken im benachbarten Bundesstaat New Jersey kann man sich die frische Küche Hawaiis in den Mund schieben. Im ehemals gefährlich geltenden Harlem habe ich einen tollen Restaurant-Tipp für leckeres amerikanisches «comfort food» mit nach Hause bringen können. Für den süssen Gluscht holte ich mir im Viertel nebenan Cornflakes mit Milch – und zwar in Eis-Form. Dabei habe ich mich in den seltensten Fällen treiben lassen und mich dem Schicksal ergeben. Das Ganze verlief viel unromantischer:

Zunächst gibt es in zahlreichen New Yorker Hotels immer noch den sogenannten Concierge. Diese geben immer bereitwillig Auskunft, wenn man nicht einfach nach «food» sondern «good food and where would you go» erkundigt. Und dann gibt es natürlich einige Apps, wo man nach Restaurant-Empfehlungen suchen kann. Eine davon läuft bei mir auf Dauerrotation: Chef's Feed. Hier gibt es Empfehlungen von lokalen Küchenchefs, die auch ein gewisses Renommee haben und hier ihre secret spots verraten – sei es im High-End Bereich oder ein Food-Truck, mitsamt der Empfehlung eines konkreten Gerichts. So wusste ich eigentlich schon vor Konsultation der Speisekarte, was ich essen wollte.

Und man kommt in Gegenden, die man als Besucher nicht auf dem Radar hatte. In Jersey City, welches früher eher einen zwielichtigen Ruf hatte, habe ich gleich zwei Mal zu Abend gegessen, weil die Auswahl von guten Restaurants so unendlich schien. Mit Navigationsapps wie HERE wurde ich zielgenau zum Ort meiner Begierde gesteuert. Wenn man die entsprechenden Karten schon im Vorfeld herunterlädt, braucht es dafür auch kein Internet.

Auf einen lockeren Schwatz

Das amerikanische Restaurant-System erspart auch einem meist Alleinreisenden wie mir, die semi-peinliche Situation alleine an einem Tischchen zu sitzen. Meist gibt es ja eine Theke, wo man auf dem Barhocker nebenbei noch einen lockeren Schwatz mit dem/r BarkeeperIn halten kann. Und womöglich noch den hauseigenen Signature Drink aufgeschwatzt bekommt. New York ist auch ein Epizentrum für leckere Drinks.

Es gibt noch so vieles mehr. In die Bronx haben mich meine Wege noch nie geführt und nach Jemen übrigens auch noch nicht. Mit dem Besuch von Little Yemen könnte ich sozusagen zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen. Von Staten Island kenne ich nur den Hafen, zu dem man von Manhattan aus gratis mit der Staten Island Ferry (mitsamt Blick auf die Skyline Manhattans und die Freiheitsstatue) rüberschippern kann. Dort steht ein Besuch von Little Liberia auf dem Speiseplan.

Ob all diese Tempelchen diese Krise überstehen? Neben dem grandiosen Kulturangebot New Yorks im Alternativbereich würde ein grosser Erlebniswert von N.Y.C. und seinen Aussenbezirken verloren gehen. Wir müssen (wo auch immer) dran bleiben, dass das «Kleine» nicht untergeht.