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300 Sonnentage, futuristische Gebäude, imposante Markthallen: eine Reise nach Valencia könnte nicht schöner sein. Bild: Internaut

Valencia, du bist meine Stadt

Von Andreas Güntert

«Da wäre ich jetzt gerne» heisst die Travelnews-Serie über traumhafte Ferienorte, an die man sich in diesen Wochen des Reisestillstands sehr gerne zurückerinnert. Heute: der Internaut alias Andreas Güntert träumt von seiner Lieblingsstadt.

Wahrscheinlich würde mir jetzt ein kaltes Bierli serviert. Dazu kämen ein paar Mandeln, Oliven und drei Scheiben Pan con Tomate. Im Hintergrund erklänge Música Chillout und manchmal ein paar Takte Reggaeton. Ich würde den Kopf in den Nacken legen und aufs Neue bewundern, wie sich die beiden Palmen ihren Weg durchs Dach des Marina Beach Club bahnen. Und, claro, warme Wintersonne würde mich dabei streicheln, hier in Valencia.

Aufmerksame Leserinnen und Leser stellen spätestens jetzt fest: Dieser Einstieg ist eine krasse Konjunktiv-Kaskade. Würde, käme, hätte. Leider. Wohl wär ich jetzt sehr gern in Valencia. Aber das geht gerade nicht. Corona, du hast mir meine liebste Nabelschnur zerrissen. Und mich dabei auch etwas gelehrt: Reisen ist ein Glück. Mehr denn je.  

Wenn ich nach Valencia darf, bin ich glücklich. Wenn VLC auf dem Ticket steht, fühle ich mich als bessere Ausgabe meiner selbst. Am allerbesten fühle ich mich dabei, wenn ich mit dem Velo durch Valencias Altstadt cruise, der Playa entlang schwebe oder durch den Fluss rolle. Nein, das mit dem Fluss ist kein Scherz.

Seit die Valencianos ihren Stadtfluss Turia umgeleitet haben, ist das ausgetrocknete Flussbett das Open-Air-Wohnzimmer der ganzen Stadt. Auf gut und gern zehn Kilometern Länge wird spaziert und musiziert, geturnt, getanzt, gespörtelt, gesprächelt und geflirtet. Bei 300 Sonnentagen pro Jahr müsste man als Tourist schon sehr viel Pech haben, eine ganze Strähne an Schlechtwettertagen einzuziehen. Und sollte trotzdem einmal hartnäckig miese Meteo herrschen, bieten sich die futuristischen Gebäude des Santiago Calatrava für einen Besuch an. Yep, auch diese liegen im ehemaligen Turia-Flussbett.

Nun ist es schon eine Weile her seit dem Bierli Complet im Beach Club. Auf in die Altstadt, die etwa sechs Kilometer entfernt vom City-Strand Malvarrosa liegt. Im Zentrum der drittgrössten Stadt Spaniens blitzen mal Gotik und mal Jugendstil auf. Verwinkelte Gassen, malerische Plätzchen und eine Vielzahl von kleinen Restaurants und Bars machen den Reiz des Altstadtviertels El Carmen aus.

Zum Glück im Schatten einer berühmteren Stadt

Hab ich schon erzählt, dass im Umland von Valencia die köstlichsten Orangen wachsen und dass die Region als Heimat der Paella gilt? Und Agua de Valencia erwähnt, jenes ebenso süffige wie heimtückische Getränk? Hombre, habe ich die imposanten Markthallen tatsächlich noch nicht gewürdigt und nicht geschwärmt von Ruzafa, dem Barrio Cool der Stadt? Und wirklich nicht gesprochen vom Strandviertel Cabanyal, das zwischen Tradition und Aufbruch steht? Letztes Mal war ich dort untergebracht, in einem Vintage-Loft mit Patio und einer Garage voll mit Velos, die jeder Gast benutzen durfte. Ach, Valencia.

Die Stadt an der Costa del Azahar (Orangenblüte) profitiert in meiner komplett parteiischen Sichtweise davon, dass sie immer die kleine Städte-Schwester von Barcelona bleiben wird. Barcelona, 350 Kilometer weiter nordöstlich gelegen, ist natürlich der ewige City-Liebling, verehrt von ganz Europa und der halben Welt. Da hab ich nichts dagegen. Noch weniger habe ich dagegen, dass Valencia bis jetzt von den üblichen Übertourismus-Horden verschont geblieben ist. Ein Zustand, der für mich gern ein Konjunktiv bleiben darf. Auf der touristischen Landkarte ist Valencia die klassische B-Stadt. Damit kann ich leben. Weil ich weiss: VLC, very lovely City, Du bist meine A-Stadt.

«Wenn ich nach Valencia darf, bin ich glücklich», schreibt Andreas Güntert.

Wenn Andreas Güntert einmal ausnahmsweise grad nicht von Valencia schwärmt, ist er Redaktor bei der «Handelszeitung» Und natürlich Reiseblogger bei www.derinternaut.ch.