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Der Tagesausflug in die Abgeschiedenheit wird in diesem Winter hoch im Kurs stehen. Bild: Swiss-Image, Jan Geerk

Kommentar Ein Winter zum Davonlaufen

Von Gregor Waser

Die Ausgangslage für die Schweizer Wintersportorte präsentiert sich schwierig. Ob Halsschläuche und Abstandsmarkierungen die Saison retten können, ist fraglich. Fünf Punkte, wie sich die Saison entwickeln wird.

Die zweite Welle hat den Schweizer Touristikern einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Noch Ende Sommer mit dahin dümpelnder Corona-Kurve stieg die Hoffnung auf eine normale Wintersaison. Doch nun werden die Fragezeichen grösser.

Die ersten Bilder auf Social Media vom letzten Wochenende, wie in Zermatt vor der Bergbahn und in einer Davoser Gondel sich die Skifahrer auf die Füsse stehen, haben für Kopfschütteln gesorgt. Kann so eine normale Wintersaison erfolgen angesichts der weiterhin hohen Zahl an Covid19-Neuansteckungen? Mit Erinnerungen an den Ischgl-Ausbruch? Nur vereinzelte Bergbahnen haben sich für Kapazitätsbeschränkungen ausgesprochen.

Zweifel dürfte sich bei manchem Wintertouristen breitmachen. Dabei waren Schweizerinnen und Schweizer wohl noch nie so hungrig auf Ferien. Die limitierten Badeferienmöglichkeiten lassen nun viele Richtung Schweizer Alpen als Alternativziel blicken. Doch das zu erwartende Gedränge im stickigen Bergbeizli und ein befürchteter Hustenausbruch im Rücken in der Gondel, lassen die Lust auf Winterferien wieder schwinden.

Ein Dilemma für die Vermarkter des Schweizer Winters. Den grossen Wintersportorten sollen schliesslich Gäste zugehalten werden, doch Ansammlungen vieler Menschen sind gleichwohl nicht gut. Es ist zum Davonlaufen, haben sich die Marketingprofis bei Schweiz Tourismus wohl eingestehen müssen. Und aus dem Davonlaufen eine Tugend gemacht. Denn zahlreiche Aktivitäten wie Schneeschuhlaufen oder Skitouren abseits der grossen Zentren wurden zusätzlich aufbereitet mit dem Ziel, Ferien in der abgeschiedenen Natur zu ermöglichen. Mit diesem Ansatz – und den umfangreichen Schutzkonzepten – lässt sich punkten.

Fünf absehbare Trends und Entwicklungen

Für den diesjährigen Schweizer Winter zeichnen sich nun fünf Trends ab. Erstens werden die Kleinen punkten. Klewenalp, Bosco Gurin, Amden & Co. werden mit ihrer Abgeschiedenheit und geringen Grösse für einmal den Vergleich mit Verbier, dem Jungfraugebiet oder Laax nicht scheuen müssen. Zweitens stehen Ferienwohnungen im Fokus. Viele sind an den Spitzendaten bereits ausgebucht. Ganz im Gegenteil zu den Hotels. Diese kämpfen noch um die Gunst der Gäste – und legen bereits mal ein Desinfektionsmittel statt ein Schöggeli aufs Kissen im Gästezimmer. Und die Hotels werden wohl auch an den Spitzendaten kurzfristig noch die Preise nach unten schrauben müssen.

Drittens gibt es einen noch nie gesehenen Run auf die Parkplätze. Der Koller nach diesem Coronajahr in der eigenen Stube treibt die Leute raus auf Tagesausflüge – wohl im eigenen Auto. Schlafen und Abendessen im sicheren Zuhause, tagsüber durchatmen in der verschneiten Landschaft, wird zur beliebten Winterformel.

Viertens wird der Schneefall so wichtig wie noch nie. Denn die vielen vorzeitigen Buchungen, noch im Unwissen wie die Bedingungen werden, bleiben aus. Sollte das Wetter schlecht sein und der Schneefall vielerorts fehlen, dürften zahlreiche Seilbahnen und Hotels vor einer unüberwindbaren Saison stehen. Und fünftens: noch nie werden Winterausflüge und -ferien so kurzfristig gebucht werden wie in diesem Jahr. Warten wir mal die Corona-Situation, die Schneeverhältnisse und die Wetteraussichten ab, werden sich viele sagen.

Der Winter 2020/2021 wird für die meisten Destinationen, Bergbahnen und Hoteliers zur Geduldsprobe, für einige zur Überlebensfrage. Geht es nach der italienischen Regierung, die das Gespräch mit den Nachbarländern sucht, sollen Skiferien europaweit sogar bis Ende Januar verboten werden, um eine dritte Welle zu verhindern, wie «La Repubblica» schreibt. Davon hält die Schweizer Regierung wenig, geht es nach den gestrigen Aussagen von Tourismusminister Guy Parmelin. Der Schweizer Winter, Stand heute, findet statt, wenn auch in ungewöhnlicher Art.