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Dass rund 90 Prozent der Touristen in Brasilien aus Südamerika stammen, hilft der Tourismusindustrie, wieder schneller auf die Beine zu kommen. Bild: Mike SwigunskiBild:

«Im November kommt sogar wieder einmal ein europäischer Gast»

Brasiliens Grenzen sind schon seit mehreren Monaten wieder für Touristen geöffnet. Doch wie sieht die Situation vor Ort aus? Travelnews hat sich mit Unterstützung von Brazil Insider CEO Michael Bonin, bei Schweizer Touristikern und Hoteliers ein Vorortbild gemacht.

Seit dem 30. Juli 2020 können ausländische Gäste wieder nach Brasilien einreisen und im südamerikanischen Land ihre Ferien verbringen. Wie die gesamte Welt, hat die Krise heftige Auswirkungen auf den Tourismus. Der Reiseverkehr wurde quasi über Nacht stillgelegt. Doch wie haben die Menschen vor Ort den Lockdown erlebt und was stimmt sie optimistisch für die Zukunft? Travelnews hat sich mit Hilfe von Brazil Insider CEO Michael Bonin ein Vorortbild gemacht. Im Bericht schildern neben Bonin auch Peter Hagnauer, Inhaber All Brazil Travel in Manaus, Chris Müller, Besitzer Pousada Vila Serrano in Chapada Diamantina und Ueli Wittwer, Besitzer Pousada Estancia Vitoria UeSo in Nordpantanal ihre Eindrücke der letzten Monaten - und verraten ihre besten Reisetipps. Aktuell ist das Land zwar noch auf der Quarantäneliste des BAG vertreten. Jedoch zeichnet sich seit mehreren Wochen eine Besserung in Bezug auf die Fallzahlen ab. Aktuell liegt der Wert bei durchschnittlich 150 Ansteckungen pro 100'000 Einwohnern in 14 Tagen.


Wie und wo haben Sie den Lockdown erlebt?

Michael Bonin

Michael Bonin: Da ich die Nachrichten im Ausland verfolgte, hatte ich einen Vorsprung und wir konnten uns gut vorbereiten, Massnahmen treffen und Strategien entwickeln. Es war mir sofort klar, dass eine solche Pandemie sehr lange dauern würde und wir mindestens 1,5 bis 2 Jahre keine Touristen mehr haben. Ich bin Ende März von Rio de Janeiro via Lissabon nach Zürich geflogen und begab mich zehn Tage in die freiwillige Quarantäne mit Wandern in den schönen Bündner Bergen. Anschliessend habe ich mich intensiv um meine 90-jährigen Eltern gekümmert. Das war eine der wertvollsten Entscheidungen und Erfahrungen in meinen Leben. Anfangs Juli flog ich zurück via São Paulo (1 Übernachtung) nach Rio de Janeiro. Die Reise war bei beiden Airlines und auf allen Flughäfen perfekt organisiert und ich fühlte mich sehr sicher.

Chris Müller

Chris Müller: Schon Mitte März wurde Lençóis, unser 5000 Seelen Dorf in der Chapada Diamantina von der Aussenwelt abgeschottet. Bus- und Flugverbindungen wurden eingestellt und die einzige Zufahrtsstrasse zum Dorf hermetisch abgeriegelt. Nur noch Einheimische durften rein und raus. Das Dorf wirkte Monate wie ausgestorben und die Zeit schien still zu stehen. Es fühlte sich an wie in Macondo, so fabulos beschrieben im Roman von Gabriel García Marquéz. Hundert Jahre Einsamkeit.

Peter Hagnauer: Ich habe den Lockdown hier in Manaus erlebt, zum Glück bei guter Gesundheit.

Welche Massnahmen wurden in Brasilien betreffend Covid-19 ergriffen und was halten Sie von den diesen?

Michael Bonin: Das oberste Gericht in Brasilien hat den Gouverneuren der einzelnen Bundesstaaten die Verantwortung zur Corona-Bekämpfung übertragen. Leider zu spät. Der unverantwortliche Präsident hatte schon den Schaden angerichtet. Aber zum Glück gibt es diesen Föderalismus  und die funktionierende Gewaltentrennung welche die Macht einzelner Institutionen/Personen einschränkt. Die regionalen Gesundheitsbehörden, das Krankenpersonal und alle Involvierten haben sich enorm Mühe geben, professionell gearbeitet um noch grösseren Schaden abzuwenden und all die diversen Hygiene-Massnahmen die zum grössten Teil diszipliniert eingehalten werden. haben sicher dazu beigetragen, dass nun die Zahlen so stark am Fallen sind.

Peter Hagnauer

Peter Hagnauer: Grundsätzlich kann man sagen, dass man den Tourismus in Manaus im Griff hat: alle Hotels sind offen, mit den notwendigen Sicherheitsprotokollen. Auch Dienste wie Transfers und Touren respektieren die neuen Regeln, vor allem auch was die Distanzierung anbelangt: Busse und Schiffe dürfen nur mit der halben Kapazität operieren. Maskentragen in allen öffentlichen Lokalen ist mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Amazonas ist kein Ziel für Massentourismus. Es gibt praktisch keine grösseren Ansammlungen von Menschen.

Chris Müller: Ab dem 1. Oktober ist das Lençois für den Tourismus wieder geöffnet. Vorläufig noch mit strikten Auflagen. Es wird ein Covid-19 Test sowie eine Hotelreservation zum Einlass ins Dorf verlangt.

Ueli Wittwer

Ueli Wittwer: Die Erlasse der Behörden beeinflussen enorm unsere Aktivitäten. Meine  Aufgabe ist es, die Mitarbeiter/innen der Pousada UeSo zum Wohle der Gäste zu begleiten. Die Firma soll überleben und die Mitarbeiter/innen gehören auch dazu. Aber klar wir mussten alle bei allen Entscheidungen Abstriche machen. Alle Angestellten erhielten noch 50 Prozent ihres Salär und die Arbeitszeit wurde dementsprechend reduziert. Ich habe einen Privat-Kredit aufgenommen, für welchen ich persönlich hafte.

481'300 Jobs im Tourismus sind innert sechs Monaten verloren gegangen und 49'900 Betriebe mussten schliessen – was bedeutet das für die betroffenen Personen und wie sieht es in Ihrer Gegend aus?

Michael Bonin: Ich glaube, dass es vom Gefühlszustand auf der ganzen Welt gleich ist und sich jeder schlecht  fühlt wenn er den Job verliert, vor allem in der jetzigen, besonders schwierigen Situation. Eine grosse Hilfe und Hoffnungsschimmer sind staatliche Finanz-Hilfen und die echten Aussichten ob man wieder eine Arbeitsstelle findet.

Ueli Wittwer: Bei uns in der Gegend mussten einige Hotels/Pousadas einen Teil der MitarbeiterInnen entlassen, ob diese Personen wieder eingestellt werden, ist noch offen.

Wie schätzen Sie die Erholung des Tourismus ein?

Michael Bonin: Der Inland- und Nachbarländer-Tourismus macht ca. 90 Prozent des Volumens aus. Maximal 10 Prozent sind «Nicht-Südamerikaner». Das hilft der hiesigen Tourismusindustrie enorm, wieder schneller auf die Beine zu kommen. Die Tourismus-Infrastruktur ist intakt.

Peter Hagnauer: Die Erholung ist langsam und nicht unbedingt regulär.

Ueli Wittwer: Die Tourismusbranche wird auch im 2021 noch leiden, da viele Menschen aus Angst/Klimabewegung weniger reisen werden. Der Mensch braucht die Bewegung, das Reisen erweitert den Horizont.

Welche Perspektiven und Hilfe vom Staat haben die Betroffenen?

Michael Bonin: Dank dem Entscheid des Kongress wurde der Nothilfe-Beitrag, nicht wie vom Präsidenten auf 200 Brasilianische Real, sondern substantiell auf 600 Real pro Person und Monat zu fixieren. Maximal sind es 1200 Real (200 Franken) pro Haushalt. Das ist für Schweizer Verhältnisse sehr wenig. Aber man darf natürlich nicht einfach den Umrechnungskurs/Länder-Vergleich machen. Der Betragt hilft der ärmeren Schicht sehr, damit die Grundbedürfnisse gesichert sind. Zudem haben Private, KMU’s und grosse Konzerne hunderte von Millionen gespendet. Das Geld kam in den Umlauf und ist gut für die lokale Wirtschaft. Wo der Staat inexistent ist, ist es in Brasilien Tradition und in der Bevölkerung fest verankert, dass man Dank riesiger Solidarität (Nachbarn, Unternehmer etc.) sich gegenseitig hilft. Im Moment gibt es eine umfassende Debatte in der Gesellschaft und im Kongress für eine fixe «Grundhilfe» ab 2021.

Wirkt sich die Arbeitslosigkeit auf die Kriminalität aus?

Michael Bonin: Die Arbeitslosigkeit ist seit Jahren etwa gleich hoch bei rund 12 Prozent. Seit 2018 ist die Kriminalität in Brasilien allgemein um mehr als 20 Prozent gefallen und man kann und darf auch in Brasilien nicht automatisch davon ausgehen, dass Arbeitslose oder arbeitslose Touristiker bei Arbeitslosigkeit kriminell werden. Die Sommerhauptsaison steht vor der Türe und das gibt grosse Hoffnung, dass Tourismus- und Hotel-Angestellte schnell wieder einen Job finden. Die sich von Lockdown generell gut erholende Gesamt-Wirtschaft hilft natürlich auch, ebenso das neue Antikorruptionsgesetz und die Hilfsmassnahmen für die bedürftige Bevölkerung.

Wie ist die Stimmung im Land und bei Ihnen?

Michael Bonin: Das Land wurde stark durchgeschüttelt, viele Brasilianer sind gestorben und das hat die Menschen sehr bedrückt. Hiermit meine ich die Bevölkerung und nicht den Präsidenten. Der ist herzlos und unfähig. Die Politiker Kommen und Gehen, die Menschen und das Land bleiben. Aufgrund der konstant und stark fallenden Zahlen und des geringen Wirtschaftseinbruchs gibt es nun grosse Hoffnung. Die Brasilianer sind im allgemeinen Krisenerprobt und -resistent und haben generell eine positive Lebens-Einstellung. Das Stimmungsbarometer steigt. Zudem ist Brasilien Dank den weltweit anerkannten Top-Instituten «Fiocruz» in Rio de Janeiro und «Butantã» in São Paulo sehr kompetent. Das Land ist in der Lage den Impfstoff in Massen herzustellen und vor allem auch verteilen zu können, auch in den entlegensten Winkel dieses riesigen Landes. Die Infrastruktur ist vorhanden. Das ist eine Meisterleistung. Die Bevölkerung wird in diesem tropischen Land aus logischen Gründen regelmässig geimpft.  

Ich persönlich hoffe und bin positiv eingestellt, dass die Risikoliste und Quarantänepflicht in den entsprechenden Ländern schnell abgeschafft wird. Hygienemassnahmen und PCR-Tests nach Rückkehr ins Heimatland sind eine sinnvolle Sache damit wir mit dem Virus leben können und die Entscheidungsfreiheit zum Reisen wieder von den Menschen selber getroffen werden kann.  

Chris Müller: Es herrscht Aufbruchsstimmung. Man hat die Nase voll von der Zwangspause und man möchte wieder gerne Arbeiten gehen. Wir haben uns sehr gefreut auf die ersten Touristen. Im November kommt sogar wieder mal ein europäischer Gast. Wir hoffen sehr dass wir nächstes Jahr auch wieder Schweizer bei uns begrüssen dürfen.

Peter Hagnauer: Die Tourismusbranche wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr der ausländischen. Manaus hat viel zu bieten für anspruchsvolle Gäste mit hochwertigen Produkten.

Welche speziellen Angebote haben Sie und was empfehlen Sie den Schweizer Reisebüros und Reiseinteressierten?

Michael Bonin: Natur, Natur, Natur! Weg vom Massentourismus. Mehr Dschungel, Trekkings, Wanderungen, Safaris oder auf dem Wasser. Brasilien hat kontinentale Grösse (Flächenmässig 205 Mal so gross und knapp 30 Mal mehr Einwohner als die Schweiz). Das Land bietet 8000 Kilometer traumhafte, einsame Strände. Einmalige Fauna und Flora und unzählige Nationalparks, Inseln und Halbinseln bieten Weite, Abenteuer und Erholung. Wir empfehlen Deutsch- oder Englischgeführte Privattransfer- und Touren. Alle Services mit VAN’s anstelle PW’s, auch Helikopter-, Kleinflugzeugtransfers–/Touren oder Schiffe/Yachten möglich. Auf Wunsche Deutschsprachiger Tourguide ab jedem Gateway für die ganze Reise möglich. Dank der Währungsabwertung um rund 30 Prozent sind die Preise auch sehr interessant. Infos und Richtpreise finden Sie hier.

Chris Müller: Lençóis ist der ideale Ausgangspunkt, um die vielen Naturschönheiten in und um den Nationalpark der Chapada Diamantina zu erkunden. Wasserfälle, Höhlen und spektakuläre Aussichten warten auf den Reisenden. Übernachtungen können in professionell geführten Unterkünften gebucht werden, wo auf die Sicherheit der Gäste und Personal acht gegeben wird. In den kleinen kolonialen Dörfern rund um den Park ist kein Massentourismus zu erwarten und ich denke die Chapada Diamantina dürfte damit für sehr viele Reisende eine ideale Destination sein.

Peter Hagnauer: Der Amazonas ist und bleibt der Traum jedes Touristen, egal woher er kommt. Und dies ist ein grosser Vorteil: denn mit der Weitläufigkeit des Amazonas haben wir hier reine Luft und das sauberste Wasser. Es wäre schöne wenn möglichst viele Menschen die Gelegenheit hätten den Amazonas zu besuchen, um sich selber ein Bild zu machen um sich vom Regenwald, der Fauna und Flora und bei einem Besuch in einem Indianer-Dorf begeistern zu lassen und in eine eigene Welt einzutauchen.

Ueli Wittwer: Unsere Pousada liegt im Nordpantanal und ist ideal für Natur- und Tierliebhaber. Sie treffen hier auf Ruhe, viel Platz und wir bieten Aktivtourismus und auch Privatausflüge. Wir bringen unseren Gästen die Natur näher die wir zum Überleben brauchen. Sie sehen nicht nur spektakuläre Tiere wie Ameisenbären, Jaguare und andere Wildtiere, sondern bekommen eine gesamten Eindruck von dem Naturparadies Pantanal.

(NWI)