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Chris Stöckli, General Manager Diethelm Travel Thailand: «Die Situation ist immer noch so volatil, dass man kaum langfristig planen kann.» Bild: zVg

«Wir hoffen in Thailand auf eine teilweise Öffnung gegen Ende Jahr»

Von Jean-Claude Raemy

Chris Stöckli, General Manager Diethelm Travel Thailand, äussert sich gegenüber Travelnews zur aktuellen Lage im beliebten asiatischen Reiseziel.

Thailand ist seit Jahren das, gemessen am Besucheraufkommen, zweitwichtigste Langstrecken-Ferienziel der Schweizer. Doch mit der Coronavirus-Pandemie und der Abschottung des Landes ist der Besucherstrom zum Erliegen gekommen. Das gilt natürlich allgemein: Im letzten Jahr besuchten noch rund 40 Millionen internationale Touristen das Land des Lächelns, der Tourismus machte 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Und wie sieht es aktuell aus? Wann ist mit einer Öffnung zu rechnen? Wir haben uns hierzu mit Christian «Chris» Stöckli unterhalten, dem Schweizer General Manager von Diethelm Travel Thailand, einer der grössten Incoming-Agenturen des Landes mit Sitz in Bangkok.


Herr Stöckli, wie sieht die Lage vor Ort in Thailand in Bezug auf Coronavirus-Infektionen aus?

Thailand hat die Situation unter Kontrolle. Neue Infektionsfälle gibt es kaum, und wenn, sind diese importiert durch Rückkehrer oder Crews. Das Land hat seit über zehn Wochen keine lokale Übertragung mehr verzeichnet. Thailand bezeichnet sich selber stolz als dasjenige Land, welches die Situation weltweit am besten unter Kontrolle hat.

Allerdings zum Preis einer zusammengebrochenen Wirtschaft...

Ja, die Wirtschaft liegt darnieder. Die Tourismusbranche wurde natürlich besonders hart getroffen, es sind aber auch andere Industriezweige betroffen. Die Unruhe wächst, zumal es ja für Arbeitende in Thailand nur wenig soziale Absicherung gibt.

Bleiben wir mal beim Tourismus. Die thailändische Regierung hat angekündigt, dass man den lokalen, primär mal den inländischen Tourismus forcieren will. Wie erleben Sie das?

Das passiert tatsächlich und die Thais sind in letzter Zeit auch durchaus im eigenen Land unterwegs gewesen. Vor allem Ferienorte nahe Bangkok wie Hua Hin oder Pattaya, aber auch Phuket oder Koh Chang konnten viele einheimische Ferienreisende verzeichnen. Die Preise, selbst für Luxushotels, waren und sind aktuell immer noch extrem tief, was Anreize schafft. Der Domestic-Tourismus macht aber die enormen Verluste durch das Ausbleiben der internationalen Kundschaft niemals wett; einheimische Touristen bleiben weniger lang, geben weniger aus und sind auch weniger an der Zahl, zumal nun auch die thailändische Mittelschicht wegzubrechen beginnt.

Was hat das für Diethelm Travel bedeutet?

Wir haben etwas versucht, an diesem Domestic-Tourismus zu partizipieren, doch das ist recht schwierig, zumal wir bislang komplett auf den Inbound-Markt ausgerichtet waren. Wir haben im April die letzten Kunden wieder nach Hause geschickt, seither gab es keine internationalen Ankünfte mehr, das muss man einfach sehen. Wir sind immer noch zuversichtlich, dass wir es schaffen. Wir haben natürlich unsere Kosten soweit möglich heruntergefahren, ohne Entlassungen und Gehaltskürzungen ging es leider nicht. Nun muss es aber bald wieder mit Tourismus losgehen, sonst wird es dann eng.

«Nun muss es bald wieder mit Tourismus losgehen, sonst wird es eng.»

Die thailändische Regierung hat diverse Szenarien angekündigt. Was ist Ihr aktueller Wissensstand?

Zunächst einmal hiess es, man werde regionale «Travel Bubbles» einrichten, mit der schrittweisen Öffnung gewisser touristischer Regionen, zunächst in einer Art «Nachbarschafts-Tourismus» mit Vietnam und anderen Ländern der Region. Das sollte im August losgehen, ist aber aktuell wieder auf Eis gelegt. Ich denke schon, dass dies noch kommen wird. Aber auch solche regionalen Öffnungen unterliegen strengen Kontrollen. Sobald es wieder zu Infektionen kommt, wird wieder dicht gemacht. In Vietnam gab es kürzlich einen solchen Fall, in Danang gab es einige Neu-Infektionen, die ersten nach mehreren Monaten, was sofort zu einer kompletten Abschottung der Stadt führte und wonach 80'000 vietnamesische Touristen ausgeflogen wurden. So etwas kann es ja auch nicht sein.

Man hört aber auch, dass Thailand an einer Art «Ampelsystem» arbeitet, wie es in immer mehr Ländern gängig ist, also an der Bestimmung eines gewissen Infektions-Koeffizienten, auf dessen Basis dann entschieden wird, ob ein Land auf eine grüne Liste für erlaubte Einreise, orange Liste für Einreise mit Vorbehalt und rote Liste mit Einreiseverbot kommt.

Ganz neu wurden folgende Pläne vorgestellt: Mit dem neuen Motto «Safe and Sealed» hofft man, ausländische Touristen im 4. Quartal nach Thailand zu holen. Der Plan soll das «Travel Bubbles»-Programm ersetzen und wird nun vom Ministerium für Tourismus der Regierung vorgestellt. Geplant ist, mindestens 500'000 Touristen bis Ende 2020 nach Thailand zu locken. Dies natürlich unter strengen Auflagen bezüglich der Covid19-Entwicklung im entsprechenden Land und Kontrolle der einreisenden Touristen, beispielsweise mit Covid-Test, Krankenversicherungspflicht und mehr.

Dadurch könnte man wieder aufstarten, aber die Unsicherheit bleibt, wie man in der Schweiz mit der stets ändernden Quarantäneliste sieht.

Das ist wohl so, aber es wäre mal ein Start. So wie aussieht, würde zwar der wichtige US-Markt dann noch längerfristig wegfallen. Aber für den europäischen Markt könnte sich Thailand damit vernünftig öffnen. Dieser Quellmarkt ist gerade für uns sehr wichtig.

Haben Sie auch probiert, andere Quellmärkte anzuzapfen?

Natürlich, darunter auch den chinesischen. Aber die Situation ist immer noch so volatil, dass man kaum langfristig planen kann.

Was ist ihre Prognose hinsichtlich einem Öffnungszeitpunkt für die europäischen Märkte?

Das lässt sich wie gesagt kaum sagen. Wir können eigentlich nur hoffen, dass es gegen Ende Jahr wieder losgeht. Früher wäre natürlich noch besser, aber wir rechnen ehrlich gesagt nicht damit. Später wäre allerdings auch problematisch - wenn es Frühling 2021 wird und wir in die Nebensaison fallen, wird der Effekt der touristischen Öffnung erst mal schwach sein.

«Bei einer Öffnung erst im Frühling 2021 wird der Effekt der touristischen Öffnung schwach sein.»

Was muss passieren, damit es bald wieder öffnet?

Schwierig zu sagen. Zum einen müssen die Fallzahlen in Thailand tief bleiben. Das tun sie auch, die Thais nehmen die Infektions-Bedrohung sehr ernst. Die Maskenpflicht stört hier niemanden, das Maskentragen wird jedenfalls deutlich besser umgesetzt als etwa das Helmtragen. Es gibt auch überall Temperaturchecks, etwa beim Eintritt ins Shoppingcenter, in Bürogebäude und Appartements, wonach man einen Farbkleber ans Kleid geheftet bekommt, welcher signalisiert, dass man getestet wurde. Beim Betreten einer Shopping Mall oder eines Hotels muss über eine App eingecheckt und enstsprechend wieder ausgecheckt werden. Es wird auf Grossveranstaltungen, etwa die berühmte Full Moon Party oder Sportanlässe, verzichtet. Ansonsten geht aber das Leben seinen normalen Gang, man kann sich frei bewegen, allen Aktivitäten nachgehen.

Die Frage ist, ob Infektion wieder eingeführt werden, davor fürchten sich die Behörden ja. Man kann sagen, je besser sich eine Bevölkerung eines Landes an Hygienemassnahmen hält und damit die Infektionszahlen reduziert, desto eher wird dieses Land Chancen haben, bald von einer Grenzöffnung von Thailand zu profitieren.

Der Flugverkehr wurde jedenfalls bereits graduell wieder aufgenommen.

Das ist so, allerdings primär für Cargo-Beförderung, sowie für Thais selber. Man hört von Flügen in Grossraumflugzeugen mit lediglich 30-40 Passagieren an Bord. Primär ist eben weiterhin die Unsicherheit betreffend potenzieller Quarantänepflicht abschreckend, oder auch der enorme administrative Aufwand, mit welchem man selbst als Aufenthaltsberechtigter kämpfen muss, um ins Land fliegen zu dürfen - und danach trotzdem noch in Quarantäne muss.

Wann waren sie letztmals in der Schweiz?

Ich reiste Ende Februar in die Schweiz und wollte an der ITB teilnehmen, die ja dann kurzfristig abgesagt wurde. Am 11. März schaffte ich es noch auf einen der letzten Flüge nach Thailand heim. Ich kenne einige, die es nicht geschafft haben und seitdem in der Schweiz gestrandet sind. Aktuell habe ich, aus den oben genannten Gründen, nicht vor, bald in die Schweiz zu reisen.

Mal angenommen, Thailand bleibt noch bis Ende Jahr oder sogar darüber hinaus komplett geschlossen: Was wären die Konsequenzen für den Tourismus vor Ort?

Schon jetzt rechnet man in Thailand insgesamt mit mehreren Millionen zusätzlichen Arbeitslosen, bei einer Gesamtbevölkerung von rund 70 Millionen Einwohnern. Das ist schlimm, die Folgen sind besonders im touristischen Arbeitsmarkt riesig. Wir rechnen darüber hinaus damit, dass selbst bei einer Grenzöffnung im Januar 2021 rund die Hälfte der Hotels nicht mehr öffnen wird. Wenn man es positiv sehen will, kann man sagen, dass so auch ein Teil der Überkapazitäten in Bangkok, Phuket oder Pattaya abgebaut werden kann. Aber grundsätzlich ist es dramatisch für die lokale Tourismusindustrie.

Wie geht Ihr Team damit um?

Wir haben im Juli Schulungen und Weiterbildungen durchgeführt, die Teams somit sinnvoll zu beschäftigen versucht. Aktuell arbeiten die meisten vom Home Office aus. Sie wissen, wie die Lage ist. Wir hoffen weiter und rechnen damit, dass ein so beliebtes Reiseland wie Thailand bald «rebounden»wird. Wir hören jedenfalls von vielen, die möglichst bald wieder kommen wollen, es gibt zahllose Fragen zur Situation, stets in der Hoffnung, dass es bald wieder losgehen möge. Wir halten uns für den Restart bereit. Solide Unternehmen verbessern vor Ort wenn möglich ihr Produkt. Man muss die «Auszeit» sinnvoll zu nutzen versuchen, etwas anderes bleibt gar nicht übrig.

Was ist, abschliessend, ihre Hoffnung?

Einerseits natürlich, dass wir bald wieder ausländische Gäste empfangen dürfen. Andererseits, dass Reisende erkennen, dass Thailand nach wie vor - oder gar mehr denn je - ein fantastisches Reiseland ist, und bald wieder in grosser Zahl zu uns kommen. Das ist nicht nur uns und unseren Mitarbeitenden, sondern diesem ganzen wundervollen Land zu wünschen.