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Einer der touristischen Hotspots in Wien: die Hofburg. Bild: TN

Wiens Antwort auf den Massentourismus

Mit der «Visitor Economy Strategie 2025» definiert Wien Tourismus das Phänomen Reisen und dessen Wirkungen auf die Destination völlig neu.

Der Touristenaufmarsch in Venedig, Florenz, Barcelona oder Amsterdam ist immens, die Innenstädte bersten. Auch Wien kennt die Touristenmassen. Wer am Stephansplatz die U-Bahn-Treppe hochkommt, muss sich mit Ellenbogen-Einsatz bis zum Stephansdom durchkämpfen, verfolgt von unzähligen Ticketverkäufern, die als Mozart gekleidet sind. Auch um die Hofburg ist das Gerangel gross, die Warteschlangen lang.

Von Overtourism mögen Wiens Tourismusverantwortliche nicht sprechen, das Problem kenne die Stadt nur punktuell. Doch mit dem Blick in die Zukunft veröffentlicht Wien nun gleichwohl ein Strategiepapier, das auch viele andere Städte, die unter den Touristenmassen leiden, interessieren dürfte.

«Visitor Economy Strategie 2025» nennt sich der Ansatz, den die Stadt Wien und Wien Tourismus verfolgen. Unter dem Motto «Shaping Vienna» wird das Phänomen Reisen und dessen Wirkungen auf die Destination völlig neu definiert und auf eine nachhaltige Entwicklung und ein Ausbalancieren der Bedürfnisse von Einheimischen und BesucherInnen gerichtet.

Der Grundgedanke der Visitor Economy geht über den herkömmlichen Tourismusbegriff hinaus. Die Vielfalt der Gäste und der zahlreichen «WienerInnen auf Zeit», die die Stadt für die Dauer ihres Aufenthalts zu ihrem Lebensmittelpunkt machen, steht im Mittelpunkt. BesucherInnen (Visitors) umfassen alle Gäste, die hier leben, arbeiten oder studieren, einkaufen oder flanieren, Kultur- oder Freizeitangebote nutzen, Geschäfte machen oder Tagungen besuchen. Dabei bringen sie ökonomische Effekte, einen Aussenblick und eine Vielfalt an Einflüssen, Ideen und Kompetenzen ein.

Sechs ambitionierte Ziel-Indikatoren

«Das Leitziel unserer Strategie lautet: Visitor Economy soll Mehrwert schaffen. Für die Unternehmen des Ökosystems – wir sprechen hier von ‚business added value‘ – wie für die Stadt und ihre BewohnerInnen, also ‚city added value‘», erklärt Tourismusdirektor Norbert Kettner, «im Marketing gilt es nach wie vor Publikum anzusprechen, das sich für Wiens Premium-Angebote interessiert und sich mit seinem Verhalten gut in die Stadt einfügt». Ein quantitatives Nächtigungsziel gebe es im Vergleich zu früheren Strategien aber nicht mehr.

Strategische Ziele verlangen gleichwohl Messbarkeit und Benchmarks, lautet die Devise von Wien Tourismus. Eine Sensorik für Balance zu entwickeln sei Voraussetzung, um faktenbasiert agieren und Fortschritte sichtbar machen zu können.

Dazu hat Wien diese sechs ambitionierten Ziel-Indikatoren festgehalten:

  1. Direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte des Tourismus in Wien sollen bis 2025 von rund 4 Mrd. Euro (2018) um 50 % auf 6 Mrd. Euro steigen.
  2. Der Netto-Nächtigungsumsatz der Wiener Beherbergungsbetriebe als Kernbranche der Visitor Economy soll bis 2025 von knapp 900 Mio. Euro (2018) um zwei Drittel auf 1,5 Mrd. Euro steigen.
  3. Die Erlebnisqualität der Gäste bleibt hoch: Aktuell würden 9 von 10 BesucherInnen Wien als Destination weiterempfehlen. Dieser hohe Anteil soll gehalten werden.
  4. Gleichzeitig sind 9 von 10 WienerInnen davon überzeugt, dass Tourismus gut für Wien ist. Diese beachtliche Tourismusgesinnung der Bevölkerung ist zentraler Benchmark und soll trotz quantitativer Zunahme der BesucherInnen gehalten werden.
  5. Die Zahl der mit dem Österreichischen Umweltzeichen als nachhaltig zertifizierten Wiener Betriebe der Tourismus- und Freizeitwirtschaft verdoppelt sich von 112 (2018) auf 224 Betriebe.
  6. Anreise mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln speziell aus Nahmärkten: Bis 2025 soll sich das Verhältnis von Personen, die mit dem Auto (derzeit 26 %) bzw. mit der Bahn (21 %) anreisen, umkehren.

Öffentlicher Raum soll qualitätsvollen Platz für Aufenthalt, Bewegung und Begegnung bieten, hat sich Wien Tourismus zudem auf die Fahne geschrieben. «Das Gemeinwohl muss Vorrang vor Individualverkehr, Vereinnahmung durch überbordenden Strassenverkauf oder ‚Verramschung‘ durch ‚Standl‘ aller Art haben», sagt Kettner und verweist auf eine aktuelle Befragung der Tourismusgesinnung der Wiener Bevölkerung: 58 % der WienerInnen sprachen sich für die Regulierung von überbordendem Strassenverkauf aus, 54 % für die Regulierung von Souvenirständen. Die vielen Mozart-Verkäufer rund um den Stephansdom dürften ob diesem Plan wenig Freude haben.

Zwar mag das neue Wiener Tourismuspapier auf den ersten Blick noch aus der Luft gegriffen erscheinen. Doch beim genaueren Hinsehen wird klar. Hier handelt es sich um einen Perspektiven- und Paradigmenwechsel. Wien verschreibt sich eben nicht mehr nur dem Tourismus, sondern der gesamten Visitor Economy. Der Tourismus soll der Stadt Gutes zu und zur positiven Weiterentwicklung beitragen. Der Ansatz gefällt, diese Umkehr der Denkweise. Der Tourist soll künftig eben nicht nur zur Wertschöpfung und zu Arbeitsplätzen beitragen, sondern die Stadt mit neuen Sichtweisen bereichern oder den Bewohnern auch einen Mehrwert bringen. Auf das Fazit im Jahr 2025 kann man gespannt sein.

(GWA)