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Trotz kurzfristiger Verschiebung, Preiserhöhungen und Klimawandel: Die Stimmung an der Indaba 2019 war vorwiegend positiv. Alle Bilder: SAT

Afrika will in zehn Jahren über 126 Millionen Touristenankünfte verzeichnen

Von Jean-Claude Raemy

An der diesjährigen Indaba in Durban wurden grosse Pläne und Ziele deklariert. Die Schweizer Afrika-Spezialisten sprechen derweil von einem schwierigen Jahr. Es dürfte allerdings nur eine Marktkorrektur sein: Insgesamt darf man für Afrika zuversichtlich sein.

Die Vorzeichen für die diesjährige Ausführung der grössten Tourismusmesse Afrikas, der «Indaba» in Durban (Südafrika), standen nicht besonders gut. Zunächst musste die Indaba wegen den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Südafrika relativ kurzfristig um eine Woche vorgeschoben werden – angesichts der wachsenden Konkurrenz durch andere Messen wie WTM Africa und ILTM Africa (beide in Kapstadt stattfindend) kein besonders vorteilhafter Move. Und wenige Tage vor der Indaba dann gab es schwere Überschwemmungen in der Provinz Kwa-Zulu Natal, wobei auch Durban in Mitleidenschaft gezogen wurde.

War dies auf der Messe spürbar? Eigentlich nicht. Von den Überschwemmungen war in der Stadt kaum etwas zu sehen; South African Tourism rief jedoch die Delegierten aus allen Ländern dazu auf, Spenden für die notleidende Bevölkerung der Umgebung abzugeben. Auch die Teilnehmerzahlen waren immer noch akzeptabel: Total waren 1023 Aussteller registriert (Vorjahr: 1060). Die Mehrheit davon war aus Südafrika, doch gab es 257 Aussteller aus anderen afrikanischen Ländern, womit die Indaba auch weiterhin eine echte panafrikanische Messe ist. Was übrigens auch ein Thema in der Rede von Cyril Ramaphosa, dem aktuellen – sowie zur Wiederwahl stehenden – Präsidenten Südafrikas, welcher am letzten Indaba-Tag persönlich erschien. Er erwähnte zahlreiche afrikanische Tourismus-Highlights, darunter 135 Unesco-Welterbestätten auf dem afrikanischen Kontinent, und sprach von Tourismus als dem «Neuen Gold». Dies sei eine Industrie, welche es grossen wie auch kleinen Unternehmen ermögliche, einträgliche Geschäfte zu machen.

Sein Ziel – und hier betrieb Ramaphosa quasi Wahlkampf direkt auf der Messe – sei es, in den kommenden fünf Jahren rund 100 Milliarden Rand (also über 7 Milliarden Franken) an neuen Investitionsgeldern im Tourismus allein in Südafrika aufzutreiben. Dazu wolle er für visumsfreies Reisen innerhalb der «Afrikanischen Union» einsetzen und einen «Single African Sky» im Flugwesen einrichten. Weitere Kernpunkte aus seinem 10-Punkte-Plan für den Tourismus waren die verstärkte Einbindung von Frauen, das Einrichten von internationalen Benchmarks um den Service zu verbessern, Investitionen in die Technologie und eine Stärkung des einheimischen Tourismus. Das mögen hehre Versprechen sein – sie verdeutlichen doch, dass Afrika als Ganzes und Südafrika im Besonderen sich als wesentliche Player im kommenden Tourismusgeschäft sehen.

Der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa (2.v.r.) besuchte die Indaba und hielt eine flammende Rede für den Tourismus in Südafrika und ganz Afrika. Zweiter von links ist übrigens Südafrikas Tourismusminister Derek Hanekom.

Schweizer Spezialisten erwarten ein schwieriges Jahr

Alles rosa? Dies dann doch nicht. Travelnews hat sich bei einigen Schweizer Veranstaltern umgehört. Marcel Gehring, CEO Knecht Reisen, war in Durban dabei und erklärte: «2019 wird es einen Drop geben – dieser beträgt bei uns im Moment rund 7%, nachdem wir aber 2017 und 2018 sehr stark gewachsen sind.» Ihm zufolge sind drei Faktoren für die weitere Entwicklung des Tourismusgeschäfts in Südafrika wesentlich: Die Wahlen von nächster Woche (und damit verbunden die Frage, ob es im Land ruhig und stabil bleibt), die Klimadiskussion, welche auch an der Indaba intensiv vorangetrieben wurde, sowie das Preisniveau für die kommende Saison. «Bei lokalen Preiserhöhungen von bis zu 10% und einem im Moment eher stärkeren Rand muss die Destination aufpassen, sich nicht selber aus dem Markt zu drängen», so Gehring, «dass der Druck auf die Unterkünfte nicht mehr ganz so hoch ist, hat aber auch positive Effekte.»

Auch John Stewardson (Inhaber Africa Design Travel), der seine 25. Indaba hinter sich brachte, sieht ein schwieriges Jahr vor sich: «Südafrika wie auch die umliegenden Länder erleben nach Jahren des Wachstums einen Rückgang. Als Hauptgrund sehe ich die in den letzten Jahren relativ starken Preiserhöhungen, die durch die Erhöhung der Wechselkurse bei Dollar und Rand gar noch verstärkt wurden. Der Tenor hier geht in Richtung Mässigung der Erhöhungen für 2020.»

Meret Etter (Product Manager Southern Africa, Travelhouse) ergänzt : «Momentan ist der Schweizer Markt leicht rückläufig. Die Buchungen für eine Reise nach Südafrika haben in den letzten Jahren jedoch markant zugenommen. Wir können daher nicht jedes Jahr eine erneute Steigerung erwarten.»

Das Jahr 2019 hat in der Tat schwach angefangen. In den ersten vier Monaten lagen die Gästezahlen aus der Schweiz um neun Prozent unter den Werten des Vergleichszeitraums im Vorjahr, erklärt Ian Utermohlen (Regional Manager Europe, South African Tourism), «es wird schwierig, der Preisanstieg ist eine Herausforderung, aber wir können es schaffen. Die Partner haben es verstanden, in Kapstadt warten sie mit der Festsetzung der Raten.» Es gehe nun darum, die Produktvielfalt weiter auszudehnen, weitere Partner an Bord zu nehmen und andere Zielgruppen wie die Millennials direkt und mit dem passenden Produkt anzusprechen. Utermohlen ist überzeugt, dass am Ende des Jahres eine Wachstumsrate verzeichnet werden kann.

Afrika ist ein willkommender Kontinent - in der Gunst der Schweizer sinkt die Nachfrage für Südafrika allerdings aktuell.

Zuversichtliche Aussteller - euphorischer Tourismusminister

Etwas positiver klingt es bei den afrikanischen Indaba-Ausstellern: Nach einem leichten Rückgang bei den Gästezahlen für Südafrika im vergangenen Jahr sind die Touristiker zuversichtlich, dass sie 2019 wieder mit einem Plus abschliessen können. Tourismusminister Derek Hanekom sieht das Land auf einem guten Weg, um die für die nächsten Jahre prognostizierten Zuwachsraten realisieren zu können, wie er in seiner Eröffnungsrede betonte: «Die Terminverschiebung wegen der Parlamentswahl nächste Woche hat nicht zu einer Veränderung bei den Besucherzahlen der Indaba geführt, ein gutes Zeichen. Die Zahl der Erstaussteller ist wieder einmal sehr gut, ein Signal für den Wert des Tourismus. Wir können einen Rekord an vorgestellten Produkten von immer mehr unterschiedlichen Ländern feststellen. Es wird jedes Jahr grösser und damit jedes Jahr besser», so seine Einschätzung. Das Ziel ist klar: Bis 2030 sollen in ganz Afrika 126 Millionen internationale Touristen verzeichnet werden. Das wäre eine Verdoppelung der aktuellen Zahl…

Zwar waren in den Messehallen einige Leerstände zu finden, doch insgesamt waren die Partner mit den Gesprächen zufrieden. Dies bezieht sich nicht nur auf das Gastgeberland Südafrika, auch bei den anderen Ländern aus dem südlichen Afrika, oder auch Ruanda oder Uganda, waren die Teilnehmer positiv gestimmt.

Nach der Fussball-WM 2010 habe Südafrika ein wellige Entwicklung erlebt, stellte Hanekom fest, denn nach durchweg positiven Zahlen hätten die neuen Visabestimmungen 2014 und die absolut nicht hausgemachte «Ebola-Krise» 2015 zu Rückgängen geführt. Seitdem sei es aber kontinuierlich aufwärts gegangen. Hanekom schreibt dabei auch Präsident Cyril Ramaphosa eine wichtige Rolle zu, denn das Verhältnis zwischen der Regierung und dem privaten Tourismussektor sei sehr gut: «Es gibt hier keine Spannungen.» Zu Rückgängen ist es 2018 wiederum durch die Trockenheitsprobleme in Kapstadt gekommen. Allerdings hatte Kapstadt mitsamt seinen Behörden gezeigt, dass man mit dem «new normal» in Sachen Klimaveränderungen gut zurecht komme und für solche Fälle gewappnet sei. So ist Hanekom für die Saison 2019/20 positiv gestimmt: «Wir erwarten weitere Zuwächse aus China und Indien. Auch in Europa haben wir ein grosses Potenzial, besonders im deutschsprachigen Raum.»

Die Schwierigkeiten, mit denen South African Airlines (SAA) in den vergangenen Jahren kämpfen musste, sind für Hanekom indes kein Thema mehr: «Die entsprechenden Massnahmen zur Rettung wirken sich positiv aus. Alle weiteren Schritte werden durchgespielt, für eine Privatisierung besteht aber keine Notwendigkeit. Wichtig ist, dass die Airline wettbewerbsfähig ist - und das ist sie. Auch hier hatte Präsident Ramaphosa einen wesentlichen Anteil.» Auch Gallus Haidle (Marketing Manager Zentraleuropa, SAA) sieht die Fluggesellschaft auf dem richtigen Weg. SAA bleibe nach dem Abschluss der Konsolidierung eine der grössten Airlines in Afrika. Immer wieder werden Entscheidungen nicht nach politischem und staatlichem Kalkül getroffen, immer wieder ginge es um kommerzielle Resultate: «Das Kaufmännische steht unter unserem CEO im Mittelpunkt. Wir können die Wende schaffen und wieder auf einer soliden Basis stehen.» Dazu gehöre in den deutschsprachigen Quellmärkten weiterhin die enge Zusammenarbeit mit den Partnern in der Touristik auf der Veranstalter- und der Vertriebsseite.

Von links: Lindiwe Rakhadebe (CEO Durban ICC), Elizabeth Thabethe (stv. Tourismusministerin Südafrikas), Derek Hanekom (Tourismusminister Südafrikas) und eine Indaba-Teilnehmerin.

Die Schweizer bleiben der Indaba treu

Diese Zusammenarbeit ist es denn auch, welche die Schweizer Afrika-Spezialisten schätzen und weshalb sie der Indaba die Treue halten. Dazu Marcel Gehring: «Die Indaba ist weiterhin eine der für uns wichtigsten Messen, da wir einen grossen Range von Partnern abdecken können. Nicht nur high-end Produkte, sondern auch Wheels, Provinzen, Hotelketten und mehr. Die Verschiebung war sicherlich unglücklich und hat unser Programm durcheinander gebracht; Einfluss auf die Termine hatte es aber keine. Grundsätzlich ist die Indaba gut organisiert und wir schätzen insbesondere die hohe Flexibilität in der Termingestaltung – es gibt keine «muss» Termine, wir sehen nur wen wir wollen.» Dennoch wird sich der Knecht-CEO gemeinsam mit seiner Produktmanagerin Carmen Wanner nächste Woche auch noch an der Luxus-Messe «We are Africa» in Kapstadt umsehen. Erst danach will sich Gehring auch dazu äussern, welche Ergänzungen es konkret im Afrika-Produkt geben wird. «Das Thema Nachhaltigkeit und Sustainability wird aber weiter an Wichtigkeit gewinnen», fügt er noch an.

Ähnlich argumentiert John Stewardson: «Für uns war die Verschiebung zwar ärgerlich, aber kein allzu grosses Problem – ich konnte aber nur ein paar Tage in einem privaten Reservat in der nähe von Durban verbringen und keine längere Reise anhängen. Ich gehe zur Indaba, weil ich bei dieser Messe praktisch alle unsere langjährigen Partner treffen kann, von den Autovermietern über die Campinganbieter bis zu den Lodges sind alle hier.» In den Messegesprächen oder auch an den Networking-Anlässen ergeben sich laut Stewardson neue Ideen für die Produktgestaltung: «Unsere Partner nehmen unsere Hinweise ernst und verbessern die Produkte ständig.»

Meret Etter lässt sich etwas mehr in die Produktkarten fürs kommende Jahr blicken: «Südafrika hat auch während der sogenannten ‚Green Season‘, also der Nebensaison, einiges zu bieten. Auch versteckte Juwelen ausserhalb der bekannten touristischen Regionen wollen wir in Zukunft vermehrt in den Vordergrund stellen. Nach der Messe werden wir mit zwölf Filialmitarbeitenden und Agenten eine Travelhouse-Studienreise nach Kapstadt und Botswana antreten. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Winelands.» Die kurzfristige Verschiebung der Messe hatte Etter allerdings herausgefordert, eben weil Pre- und Post-Touren umgebucht und Reisepläne geändert wurden: «Nichtsdestotrotz sind wir mit der Indaba 2019 sehr zufrieden.»

Ein Schlusswort, welches auch die meisten anderen Teilnehmenden wohl so formuliert haben dürften. Trotz der aktuellen leichten Rückgänge ist es sicher nicht verwegen zu behaupten, dass dem afrikanischen Kontinent in vielerlei Hinsicht, auch in touristischer, die Zukunft gehört.

Afrika will unter anderem vermehrt auf Frauen und moderne Technologie setzen - an der Indaba in Durban wird dies gleich umgesetzt.