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Im norwegischen Lofoten-Archipel ist es längst nicht mehr immer so menschenleer wie auf dem Bild. Wird deshalb der Besuch bald besteuert? Bild: Sandra Ahn Mode

Norwegen sagt dem Overtourism mittels Touristentaxen den Kampf an

Von Jean-Claude Raemy

In besonders beliebten Städten und Regionen Norwegens wird offen über eine Touristensteuer nachgedacht. Diese soll aber nicht Touristen fernhalten, sondern für Infrastrukturverbesserungen verwendet werden.

Skandinavien liegt seit Jahren und auch noch im kommenden Jahr im Trend. Das belegen unter anderen die vielen neuen/weiteren Routings von Kreuzfahrtgesellschaften in diese Weltgegend. Mit der Popularität und den steigenden Besucherzahlen wird zwar Geld gemacht, doch werden damit auch lokale Gemeinschaften, die unberührte Natur und die generelle Ruhe vieler Orte gestört - weshalb auch in Norwegen seit einiger Zeit eine intensive Debatte um Ursachen, Effekte und Bekämpfung von «Overtourism» geführt wird.

Wie die linksorientierte Tageszeitung «Klassekampen» nun ausführt, wird in mehreren der touristisch beliebtesten Gemeinden Norwegens offen über die Einführung einer Touristensteuer diskutiert. Der Zweck sei hierbei nicht die Abschreckung von Touristen, also eine Reduktion der Besucherflüsse, sondern eine Einkommensquelle zu haben, welche für den Bau zusätzlicher Infrastrukturen verwendet werden kann. Damit sollen lange Wartezeiten oder fehlende Einrichtungen (z.B. zu wenige Toiletten) behoben werden, wodurch Gäste dann weniger den Eindruck haben, den Problemen des «Overtourism» ausgesetzt zu sein.

Konkret gibt es dahingehende Überlegungen in mehreren Gemeinden bzw. Regionen, beispielsweise auf den Lofoten, am Nordkap oder in reizvollen Orten wie Stranda oder Stryn. Warum das so ist, wird anhand von Zahlen klar: Auf den Lofoten leben insgesamt rund 25'000 Personen; im vergangenen Jahr besuchten aber über eine Million Touristen die Inselgruppe. Die Gemeinde Nordkapp in der Finnmark zählt nur etwa 3300 Einwohner, doch besuchten letztes Jahr 400'000 Touristen das berühmte Nordkap-Plateau, den nördlichsten Punkt Kontinentaleuropas.

Die Bürgermeisterin von Nordkapp, Kristina Hansen, findet die Abgabe berechtigt, weil die Gemeinde Kosten des Tourismus mit zu tragen habe - etwa bei den Gesundheits- oder Abfallentsorgungs-Diensten. Darüber hinaus muss zusätzliche Infrastruktur, etwa für Toiletten, finanziert werden. Elisabeth Dreyer von der Tourismusvermarktungsagentur Destinasjon Lofoten spricht ihrerseits von einem «Besucher-Beitrag» und nicht von einer Steuer. Dieser Beitrag sei notwendig: «Es gibt genügend Platz für alle, aber wir benötigen mehr als Toiletten, Rastplätze und Abfall-Logistik. Wir wollen mit dem Geld etwa auch den Touristen den korrekten Umgang mit unserer Natur nahe bringen, etwa ihnen erklären, wie man sich zu verhalten hat auf Weiden, wo Schafe frei herumlaufen.»

Beim Verlassen des Kreuzfahrtschiffes gleich zur Kasse?

Letztes Jahr entschied das Norwegische Parlament, dass auf Landesebene keine Touristensteuer eingeführt wird. Die Zentralregierung liess es den Regionen und Gemeinden offen, ob sie solche Abgaben erheben wollen. Die Absicht für diverse solche Abgaben scheint da zu sein; laut Dreyer sei das Projekt dazu weit fortgeschritten, doch muss man sich noch über die Art und Weise der Erhebungs-Modalitäten einig werden.

Zur Diskussion stehen etwa die Einrichtung von Zahlungs-Häuschen entlang Zufahrtsstrassen (ähnlich den französischen «Péages») oder Abgabe-Erhebungsstellen an Flughäfen und Docks wo Schiffe (Kreuzfahrtschiffe oder Fähren) anlegen. Letzteres wäre vor allem für viele Orte in der Region Vestlandet, also der norwegischen Küstenregion, welche von den meisten Touristen per Schiff besucht wird, eine Möglichkeit. Kristian Jørgensen, Direktor der Tourismusvermarktungsgesellschaft Fjord Norge, stimmt der Einführung von solchen Touristenabgaben grundsätzlich zu, hält aber fest: «Das Geld, welches so gewonnen wird, muss ganz klar für die Entwicklung der Destination eingesetzt und somit lokal investiert werden, und nicht zweckentfremdet oder gar in die Staatskasse weitergegeben werden.»

Vorbild Spitzbergen

Eine norwegische Region hat bereits vor zehn Jahren eine Touristen-Taxe eingeführt: Die arktische Inselgruppe Spitzbergen. Wer mit dem Schiff dort ankommt, zumeist um Eisbären zu beobachten, muss 150 Kronen (etwa 17.60 Franken) bezahlen - was meist in Ausflugstickets integriert wird. Das Geld fliesst in den Umweltschutz-Fonds des Archipels. In den letzten zehn Jahren hat Spitzbergen damit 128 Millionen Kronen (rund 15 Millionen Franken) eingenommen, welche für 600 lokale Projekte aufgewendet wurden, beispielsweise in die Beseitigung von Plastikabfall an Stränden oder in Tourismusforschungsprojekte.

Laut Eva Britt Kornfeldt (Cruise Svalbard) habe man wegen der Steuer keinerlei Probleme gehabt und keine Touristen verloren. Offenbar gehen auch die meisten Touristenorte auf den Lofoten oder auf dem norwegischen Festland davon aus, dass eine neue Abgabe die Touristen nicht abschrecken wird.