Destinationen

Andaman_AdobeStock.jpeg
Wenige Einwohner, wenige Touristen, und doch vermüllte Strände: Kein Wunder wollen die Eingeborenen der Inseln in der Nähe von Little Andaman (Bild) keine moderne Zivilisation bei sich. Bild: Adobe Stock

Wenn touristische Neugier zum Tod führt

Auf der Insel North Sentinel in der Andamanen-See wurde kürzlich ein US-Tourist von Eingeborenen erschossen. Der Zutritt zur Insel ist verboten. Und doch sähen einige jetzt gerne eine Verurteilung der Eingeborenen.

Erst im Mai dieses Jahres hat travelnews.ch über die «gefährlichste Insel der Welt» geschrieben - die Rede ist von North Sentinel Island, einem Eiland in der Andamanen-See westlich von Indien, dessen Ureinwohner jeglichen Kontakt zur modernen Zivilisation ablehnen und auf Kontaktversuche äusserst feindlich reagieren. Im Jahr 2006 wurden zwei Fischer umgebracht, seitdem hatte man die Insulaner sich selber überlassen. Aber mit dem wachsenden Tourismus auf den nicht weit entfernten Inseln Great Andaman und Little Andaman war es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem Vorfall kommt.

Und nun ist es passiert: Ein 27-jähriger US-Tourist hat sich unerlaubt Zugang zur Insel verschaffen und wurde dort prompt von Eingeborenen mit Pfeilen beschossen und getötet, wie nau.ch berichtet. Offenbar war der Tourist bereits mehrmals auf den Andamanen in den Ferien gewesen, und kannte wohl die Geschichten rund um die Einwohner von North Sentinel. Die nur noch 150 dort lebenden Ureinwohner unterliegen einem strengen Schutz; um ihre Insel muss ein Abstand von fünf Kilometern eingehalten werden. Logische Folgerung für den Touristen: Man geht einfach illegal hin.

So tragisch der Vorfall für den Touristen ist - er ist es auch für die Eingeborenen. Die indische Polizei hat bereits Ermittlungen wegen Mordes gegen «unbekannte Stammesmitglieder» aufgenommen; sieben Verdächtige wurden bislang festgenommen. Oder anders ausgedrückt: Indien, zu welchem die Insel politisch gehört, könnte jetzt diesem Ureinwohner-Stamm den Garaus machen. Das würde gewissen Unternehmern in der Region sicher passen - die Insel ist ein Tropenparadies wie im Bilderbuch und liesse sich touristisch bestimmt gut vermarkten, zumal sie noch praktisch unberührt ist.

Was sind schon 150 «Wilde» gegen das grosse touristische Wirtschaftspotenzial?

Es ist eigentlich vergleichbar mit dem Umgang des Menschen mit Wildtieren: Man dringt in ihren Lebensraum ein, und wenn sie sich wehren, werden sie abgeknallt oder entfernt. Auf den Andamanen gibt es noch mehrere wirklich frei lebende Urbevölkerungs-Stämme, doch belässt man diese auf den grösseren Inseln teils in Reservaten, durch welche mitunter touristische Safaris führen - die dann quasi «Menschen-Safaris» sind. Ein globaler Aufschrei der Öffentlichkeit bzw. der Tourismusbranche ist bislang ausgeblieben.

Und so könnte ein allzu neugieriger und übereifriger amerikanischer Tourist zum Ende eines weiteren unbefleckten Ortes dieser Welt beigetragen haben. Den Tod hat er deswegen natürlich nicht verdient. Aber es wäre begrüssenswert, wenn gewisse Touristen manchmal etwas mehr nachdenken, bevor sie den Kick suchen.

(JCR)