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Laut Hedda Felin, CEO Hurtigruten Norway, ist der Versorgungsauftrag für die norwegischen Küstengemeinden weiterhin zentral - doch mit spannenden neuen Angeboten können auch neue Touristensegmente gewonnen werden. Bild: (c) Espen Mills

Mit der Hurtigruten geht es bald auch nach Oslo und nach Spitzbergen

Jean-Claude Raemy

Im kommenden Jahr feiert die beliebte norwegische Postschifffahrts-Reederei Hurtigruten 130 Jahre Bestehen. Aus diesem Grund werden unter anderem neue Routen aufgelegt, welche das Fahrgebiet deutlich erweitern. Dazu und noch über mehr hat sich Travelnews mit Hedda Felin, CEO Hurtigruten Norway, unterhalten.

Frau Felin, kürzlich verkündete Hurtigruten neue Routen für das Jubiläumsjahr 2023. Durch diese erweitert Hurtigruten ihr Fahrgebiet beträchtlich. Ändert sich der Charakter des Unternehmens?

Auf keinen Fall, die klassische Postschiffroute entlang der norwegischen Küste ist seit 130 Jahren das Juwel in unserer Krone und an diesem halten wir selbstverständlich fest. Wir bleiben «Hurtigruten - das Original», wie wir uns inzwischen nennen, einfach mit noch mehr Umweltbewusstsein und einem klaren Weg in die Zukunft. Natürlich wollen wir uns auch weiterentwickeln, um relevant zu bleiben, und neue Gäste anziehen. Bei den neuen Routen ging es darum, die bestehende DNA mit spannenden Neuerungen zu verbinden. Es war lange unser Traum, unseren Gästen noch mehr von der norwegischen Küste zu zeigen.

Was ab dem kommenden Jahr ja der Fall sein wird, mit den neuen Routen.

Genau, wir werden erstmals in unserer Geschichte ab Oslo kreuzen und auch den Süden Norwegens befahren, und zwar mit der «Hurtigruten Nordkap-Linie». Es gibt Stopps in Kristiansand, Farsand und beim Leuchtturm von Lindesnes, dem südlichsten Punkt des norwegischen Festlands. Die Route führt bis ans Nordkap, dabei werden auch bislang nicht befahrene Häfen wie Åndalsnes, Alta oder Lødingen in Nordnorwegen befahren. Auf dem Rückweg stoppt das Schiff in Bergen. Dieselbe Reise gibt es auch in umgekehrter Richtung ab Bergen mit Endpunkt Oslo. Für uns ist die Route natürlich spannend, weil wir damit einerseits auch norwegische Touristen und Fracht ab Oslo nach Nordnorwegen oder zurück befördern können, aber auch, weil viele internationale Reisende, die in Oslo in Norwegen ankommen bzw. die Hauptstadt besuchen wollen, jetzt gleich von dort aus auf ein Hurtigruten-Schiff steigen können, bzw. eine Kombination von Bergen/Westnorwegen und Oslo nun mit Hurtigruten möglich ist. Diese Reise wird 12 Tage an Bord umfassen.

Die zweite neue Route wird die «Hurtigruten Spitzbergen-Linie» sein, welche wie aus dem Namen ersichtlich nach Spitzbergen führt. Diese ist nicht ganz neu, gab es diese Route doch schon zwischen 1968 und 1982 - doch selbst für viele Repeater-Gäste wird es das erste Mal sein. Diese neue Route führt ab Bergen entlang der beliebtesten Ziele an der norwegischen Küste – den Lofoten, den Vesterålen und dem Nordkap – hinauf nach Longyearbyen auf Spitzbergen, und von dort aus via Tromsø zurück nach Bergen. Die gesamte Reise umfasst 16 Tage.

Die Hurtigruten Spitzbergen-Linie startet ab dem 3. Juni und die Hurtigruten Nordkap-Linie ab dem 26. September 2023.

Eigentlich werden die Inseln von Spitzbergen ja bereits von dem anderen Arm des Unternehmens, Hurtigruten Expeditions, angefahren. Was ist hier anders?

Es geht darum, unseren Kernauftrag, den wir für den Staat ausführen, wahrzunehmen. Dieser lautet seit 130 Jahren, dass wir die Gemeinden innerhalb Norwegen verbinden und versorgen sollen. Die Nachfrage für Schiffs-Fracht- sowie Passagierdienste ab/bis Spitzbergen ist gross. Wir können dies nun gewährleisten und gleichzeitig unseren ausländischen Reisenden diesen speziellen Teil des Landes zeigen. Ein Win-Win.

Wir kombinieren also lokalen Verkehr und Frachtverkehr mit touristischem Verkehr, wir zeigen das Land «the local way». Das Expeditions-Produkt ist rein touristisch und geht vielleicht etwas mehr in die Tiefe vor Ort, aber wir werden selbstverständlich auch Exkursionen für herkömmliche Hurtigruten-Touristen auf Spitzbergen anbieten.  

«Die neuen Seereisen beinhalten längere Hafenbesuche und Ausflugsmöglichkeiten sowie ein noch grösseres kulinarisches Angebot.»

Für die Route nach Spitzbergen braucht es ein stabiles Schiff, da man ja hier nicht entlang der Küste in «Inside Passages» fährt, sondern über offenes Meer im wilden Norden der Nordsee. Welches Schiff wird eingesetzt?

Beide Premium-Reisen werden mit der MS Trollfjord durchgeführt, welche im Frühling 2023 umfassend renoviert wird. Natürlich verfügt dieses Schiff über die nötige Eisklasse - auch wenn die traditionellen Hurtigruten-Strecken in der Regel eisfrei sind, bewegen wir uns ja weit nördlich des Polarkreises, da nehmen wir Sicherheit nicht auf die leichte Schulter. Ebenso ist das Schiff so konstruiert, dass es die teils raue See gut bewältigt und für die Passagiere praktisch keine Unannehmlichkeiten entstehen. Im Übrigen werden wir ja von Frühling bis Herbst unterwegs sein, im Winter, wenn die See am rauesten ist, aber nicht.

Bei der Renovierung wird sowohl beim Antrieb als auch beim gesamten Interieur verbessert. Die Kabinen mit Platz für 576 Gäste werden erneuert und bekommen ein modernes skandinavisches Design, ausserdem werden die Restaurants renoviert und vergrössert: Das À-la-carte-Restaurant befindet sich neu auf dem obersten Deck und wird doppelt so gross wie bisher sein. Ebenso werden neu «Show Kitchens» installiert, in denen auch die Kochkurse an Bord stattfinden werden. Wir werden Fotografiekurse anbieten und vieles mehr. Insgesamt kann man sagen, dass sich die Trollfjord von unseren anderen Schiffen schon ziemlich unterscheiden wird, wir behalten aber auch den historischen Charme unserer «Grand Old Lady» bei.

Das neue Konzept kombiniert somit bei Aktivitäten, Landschaft und Kulinarik das Beste, was Norwegen zu bieten hat. Wird damit der neuen Suche vieler Reisenden nach authentischen und lokalen Erlebnissen entsprochen?

Genau hierfür sind wir optimal positioniert! Unsere Reisenden bekamen dies schon früher und bekommen es auch weiterhin, und auf der Trollfjord nun in einer nochmals modernisierten Form. Die neuen Seereisen beinhalten längere Hafenbesuche und Ausflugsmöglichkeiten sowie ein noch grösseres kulinarisches Angebot. Zu Letzterem gehören wie erwähnt Kochkurse, Wein-, Bier-, Champagner- und Whiskyverkostungen, ein Food Center, eine Cocktailbar sowie ein À-la-carte-Restaurant mit Degustationsmenüs. Im Food Center wird es Kochvorführungen und -kurse für die Gäste geben, und es werden Picknick- und kulinarische Ausflüge angeboten.

Gerade in der Küche zeigen wir übrigens auch «sustainability in practice». Wir beliefern lokale Anbieter und beziehen von diesen auch Waren. Wir sind sozusagen «hyperlocal». Die in unserer Küche verwendeten Nahrungsmittel beziehen wir zum grössten Teil von 250 Lieferanten entlang der norwegischen Küste. Wir können täglich frische Meeresfrüchte laden, vom Kabeljau über den Seeigel bis hin zur Königskrabbe. Natürlich gibt es immer auch vegetarische Optionen. Beim Sourcing der Nahrungsmittel achten wir ebenfalls auf Nachhaltigkeit. Nicht zuletzt kooperieren wir mit Ambassadoren der norwegischen Küche, also mit renommierten Chefköchen aus dem ganzen Land.

Ich sehe uns als so etwas ähnliches wie der Orient-Express im Bahnbereich: Wir kombinieren ein einzigartiges Reiseerlebnis an Bord mit einer wunderschönen Landschaft, aussergewöhnlichen Ausflügen und dem besten lokalen Essen.

Schätzen die Gäste die norwegische Küche?

Es scheint so, viele sind begeistert. In Nordnorwegen wird auch Rentierfleisch angeboten, wir haben besondere Käsesorten, Schinken oder, im Bereich Meeresfrüchte, auch «Meeresgemüse» wie Algen. Das stösst durchaus auf Interesse.

«Es läuft gerade ein grosses ‹Environmental Upgrade› unserer gesamten Flotte.»

Sprechen wir nochmals über Nachhaltigkeit. DieTrollfjord wird modernisiert, aber auch die anderen Schiffe erhalten neue Features, nicht?

Genau. Wir haben aktuell acht Schiffe, wovon aber nur sieben im Einsatz sind - eines ist stets im Dock, denn es läuft gerade ein grosses «Environmental Upgrade» unserer gesamten Flotte. Mit diesem wollen wir unsere Schiffe «grüner» machen, indem sie teils - bei drei Schiffen - Batterien für Hybrid-Betrieb, teils umweltfreundlichere Antriebe erhalten, und allesamt auch mit emissionsreduzierenden Technologien versehen werden. Alle Schiffe erhalten etwa ein SCR-Abgasreinigungssystem. Wir schauen auch, was mit biologischem Treibstoff machbar ist; bislang fahren wir mit Marinediesel und setzen bereits teilweise Biotreibstoffe ein. Das Ziel ist, die CO₂-Emissionen um 25 Prozent und die Stickoxide um 80 Prozent zu senken.

Die Umrüstung aller Schiffe wird bis zum nächsten Sommer, wenn die Trollfjord die neuen Routen aufnimmt, abgeschlossen sein.

Die sieben anderen Schiffe werden den gewohnten Postschiffverkehr zwischen Bergen und Kirkenes bewerkstelligen. Dort haben Sie ja neue Konkurrenz erhalten. Diese hat aber bislang mit Problemen zu kämpfen gehabt. Haben Sie dazu einen Kommentar?

Ich will mich eigentlich nicht zur Konkurrenz äussern. Es mag sein, dass uns deren Verzögerungen und Ausfälle ein paar Kunden beschert haben. Aber eigentlich möchte ich, dass sie den regulären Fahrbetrieb wie geplant durchführen können. Sie sind nicht nur unsere Konkurrenten, sondern auch unsere Partner, denn wir haben ja zusammen den «Gemeinschaftsauftrag» für die norwegischen Küstengebiete zu vollbringen. Das Ziel sind tägliche Abfahrten entlang der ganzen Küste, für Passagiere wie für Fracht. Dieser Job wurde jüngst gesplittet. Wenn der neue Partner ausfällt, haben wir zusätzlichen Aufwand bzw. unser Auftrag zuhanden des Staates kann nicht wie gewünscht ausgeführt werden.

Sprechen wir noch über Zahlen. Der aktuelle Sommer ist richtig gut gelaufen, nicht?

Das kann man so sagen, und wir sind darüber natürlich froh. Die letzten beiden Jahre hatten wir praktisch nur noch Frachtgeschäft, und fast keine internationalen Gäste. Wir konnten unseren Gemeinschaftsauftrag ausfüllen, niemand verlor seinen Job und die Schiffe waren in Betrieb, was gut ist. Doch natürlich ist der touristische Umsatz inzwischen wieder sehr stark angestiegen. Aktuell rechnen wir damit, dass wir zwischen Juni und August 2022 rund 10 Prozent mehr Passagiere als im selben Vergleichszeitraum 2019 haben werden.

Das hat auch mit dem grossen Streik bei SAS zu tun gehabt, welcher uns kurzfristig viele Gäste bescherte - auch manche, die einfach nach Hause wollten.

Wie ist denn das Kundenverhalten generell?

Auch bei uns ist es so, dass sehr kurzfristig gebucht wird. Und das wurde auch gemacht - einige Abfahrten im Sommer waren komplett ausgebucht. Natürlich würden wir uns wünschen, dass die Gäste etwas länger im Voraus buchen. Der Markt ist derzeit ziemlich unvorhersehbar und wir müssen einfach an unser Produkt glauben, darauf aufbauend die Crew-, Supplier- und Routenplanung machen und hoffen, dass alles gut kommt. Aktuell sieht der Rest des Jahres ziemlich vielversprechend aus, weil wir sehen, dass viele reisen wollen und wir mit unserem Produkt gut positioniert sind und Reisen mit uns nach Plan verlaufen. Solange die Welt einigermassen stabil bleibt, werden wir auch ein gutes letztes Quartal 2022 erleben.

«Gerade für die Spitzbergen-Linie ist die Nachfrage schon jetzt sehr gross.»

Ist der Verkauf der neuen Routen eigentlich schon losgegangen?

Ja, diese neuen Premium-Routen sind bereits buchbar. Auch wenn wir bislang wenig Marketing betrieben haben, so ist die Resonanz schon sehr gross. Gerade für die Spitzbergen-Linie ist die Nachfrage schon jetzt sehr gross, sowohl von Norwegern als auch von unseren internationalen Märkten, inklusive Nordamerika und Asien/Pazifik.

Viele wollen wieder reisen, das ist klar. Was haben Sie in Bezug auf gesundheitliche Sicherheit an Bord zu sagen?

Wir nehmen gesundheitliche Bedenken sehr ernst. An dieser Stelle möchte ich aber festhalten, dass es für die Einreise nach Norwegen keine Covid-Massnahmen mehr gibt und auch auf unseren Schiffen keine Covid-spezifischen Massnahmen mehr existieren. Man darf aber festhalten, dass wir von Covid auch gelernt haben: Es hat überall die Möglichkeit zur Handdesinfektion, wir haben im Krankheitsfall Isolationsräume und generell mehr medizinisch geschultes Personal an Bord als früher. Das sorgt für Sicherheit. Die Reise-Vorbehalte fallen langsam wieder. Es ist Zeit, die Welt wieder zu entdecken - auf nachhaltige Weise.

Sie haben eingangs gesagt, dass Hurtigruten sich auch weiter entwickeln soll und neue Gästesegmente ansprechen will. Bislang wird Hurtigruten manchmal noch als ein Produkt für etwas ältere Semester wahrgenommen, weil es eben gemächlich zu und her geht. Wurden die neuen Routen auch dafür geschaffen, jüngeres Klientel anzuziehen?

Das kann man schon so sagen, wobei sich auch unsere bestehende Kundschaft über Neuheiten freut... Ich denke, wir bieten auch für jüngere Segmente ein attraktives Produkt, wobei ich für den grossen Zuspruch auch etwas älterer Gäste sehr froh und dankbar bin. Das eine schliesst auch das andere nicht aus - wir sehen beispielsweise viele Familien, welche generationenübergreifend mit uns unterwegs sind. Ich hatte auch schon meine Teenager dabei, und sie haben es geliebt. Wir wollen einen guten Mix bieten aus Kulinarik, Kultur und Aktivitäten. Vielleicht haben wir nicht «flashy» Unterhaltungsangebote, aber wir stellen umgekehrt auch fest, dass einige Jüngere sich für «slow travel» interessieren und auf Reisen gerne entschleunigen und sich vielleicht auch weiterbilden wollen, und nicht nur kurzfristiges Entertainment suchen.

Für Kleinkinder gibt es aber eher wenig.

In den Sommermonaten bieten wir für die Kleinsten einen «Young Explorer Club». Das wurde bislang zugegebenermassen nicht das ganze Jahr über angeboten, weil wir einfach in den Sommermonaten am meisten Familien an Bord haben. Wir evaluieren aber, ob wir dieses Angebot auf das ganze Jahr ausweiten.

Zum Abschluss: Hat sich die Preisstruktur wegen der Covid-Krise wesentlich verändert?

Die aufgrund von Covid für uns entstandenen Zusatzkosten, etwa für die Implementierung von Schutzmassnahmen, wurden nicht auf die Kunden abgewälzt. Die Preise für Treibstoffe wie auch für Nahrungsmittel sind zuletzt aber deutlich gestiegen, und da müssen wir natürlich etwas weitergeben. Wir haben uns auch bemüht, exklusive Angebote zu implementieren, für die etwas mehr verlangt werden kann.

Man kann also festhalten, dass die Preise jetzt etwas höher sind - in unseren Augen aber immer noch kompetitiv. Und das Wichtigste ist, dass der Kunde das Gefühl haben muss, dass das Erlebnis sein Geld wert war. Und da sind wir sicher, dass unser Preis-/Leistungs-Verhältnis den Erwartungen unserer Kundschaft entspricht. Unsere Kunden wissen, dass sie Qualität, nachhaltige Produkte und «slow travel» erhalten, aber auf modernem Niveau. Wir sind optimal für die Post-Covid-Reisewelt positioniert.

Die MS Trollfjord im Havøysund im äussersten Norden Norwegens: Bald wird das modernisierte Hurtigruten-Schiff auch in Oslo und Spitzbergen zu sehen sein. Bild: Hurtigruten ASA/Photo Competition