Cruise

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Kreuzfahrtexperte Thomas P. Illes hat sich in Griechenland einen vertieften Einblick in das aktuelle Befinden der Cruise-Industrie verschafft. Bild: thilles consulting

«Griechenland hat sich zum erfolgreichen Hotspot für den Cruise-Restart entwickelt»

Der Wirtschaftsberater und Hochschuldozent Thomas P. Illes weilte fünf Wochen in Griechenland, begleitete intensiv den dortigen Cruise-Restart und traf sich mit wichtigen Entscheidungsträgern an Land und auf See. Im Interview mit Travelnews schildert er seine Eindrücke und äussert sich zur Zukunft der Branche.

Herr Illes, Sie kommen soeben zurück von einem längeren Griechenlandaufenthalt, bei dem Sie als Berater und Industrieanalyst zahlreiche Reedereien, Zulieferer und Dienstleister beim touristischen Restart begleiteten und unterstützten. Wie sieht Ihr Fazit aus?

Thomas P. Illes: Kurz vorweg, meine Eindrücke und Schilderungen beziehen sich auf den Zeitraum von Anfang Juli bis Mitte August. Wie wir mittlerweile alle wissen, können sich Bestimmungen und Vorschriften jederzeit und quasi über Nacht ändern. Allen Interessierten mit konkreten Reiseplänen sei deshalb geraten, sich vorgängig über die aktuellen Vorschriften und neusten Bedingungen eingehend zu informieren und meine Ausführungen nicht als verbindliche Angaben zu verstehen. Im Tourismus können in Coronazeiten ein paar wenige Wochen schnell zu Lichtjahren werden ...

In der Tat.

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass sich Griechenland zu einem veritablen und sehr erfolgreichen Hotspot der Cruise- und Tourismusbranche bei ihren Restartbemühungen entwickelte. Das wäre nicht gelungen, wenn man das Thema in dieser Region nicht mit einer solch beeindruckenden Konsequenz, Ernsthaftigkeit und Professionalität angegangen wäre. Die Entscheidungsträger, aber auch die Lokalbevölkerung sind sich sehr bewusst, wie abhängig das Land vom Tourismus und wie wichtig ein vorausschauendes, koordiniertes, miteinander abgestimmtes und zielführendes Vorgehen im Interesse aller beteiligten Stakeholder ist. Da könnten sich so manch andere Länder eine Scheibe davon abschneiden.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Im Zusammenhang mit dem Neustart des Tourismus ist zum Beispiel das Thema Digitalisierung in Griechenland weit mehr als ein inflationäres Modewort, sondern funktionierende Realität. Sei es bei der mittels eines minutengenau ab Mitternacht am Abflugtag vorgängig übermittelten QR-Codes als Teil der obligatorischen und von den griechischen Zollbehörden unkompliziert zu überprüfenden PLF Passenger Locator Formular Einreiseanmeldung. Oder bei der administrativen Onlineabwicklung für allfällig notwendige PCR- oder Antigen-Schnelltests im Land selbst. Alles funktioniert absolut zuverlässig, pünktlich und einwandfrei. Gleichzeitig haben sich die zuständigen Staatsstellen dazu verpflichtet, die Tests kostengünstig – wir sprechen hier von 19-25 Euro pro Test – anzubieten und der Verlockung der von anderen Ländern bekannten touristenunfreundlichen Abzocke zu widerstehen. Ich finde das für ein Land, welches so viele Jahre harte Wirtschaftskrisen durchleben musste und nun dringend auf Einnahmen angewiesen ist, bemerkenswert. Es illustriert eine auf langfristigen Erfolg ausgelegte ganzheitliche Denkweise – etwas, was ich mir an vielen anderen Orten und Bereichen, auch in unseren Breiten, ebenfalls vermehrt wünschen würde. Und dann sind natürlich die Schönheit und kulturelle Vielfalt des Landes, vor allem aber die ausgeprägte, herzliche und authentische griechische Gastfreundschaft verbunden mit einem hohen Mass an Dienstleistungsverständnis und -bereitschaft zu nennen. Man fühlt sich als Tourist wirklich willkommen. Und trotz zuweilen zunehmender Corona-Inzidenz in einzelnen Regionen auch sicher. Denn die Regierung scheut nicht davor zurück, punktuell mit vorbeugenden Massnahmen wie nächtlichen Ausgehverboten, Musikverboten in Lokalen, etc. zu reagieren, um den Tourismus zu schützen.

Thomas P. Illes im Austausch mit Minas Papadakis, Managing Director Heraklion Port Authority. Bild: thilles consulting

Neben Gesprächen mit Vertretern von Reedereien, Zulieferern, Logistikunternehmen, Tourismus- und Hafenbehörden waren Sie auch an Bord diverser Schiffe. Mit welchen waren Sie in der Ägäis unterwegs?

Ich war Gast auf der Restart-Einführungsfahrt der Seabourn Ovation, auf Ponant’s Le Bougainville, dann auf einer Nachtfähre von Minoan Lines von Piräus nach Heraklion und schliesslich zwei Wochen auf der Mein Schiff 5 von TUI Cruises.

Das sind sehr unterschiedliche Schiffe und Qualitätsklassen – können Sie uns diese kurz beschreiben?

Die Seabourn Ovation ist ein amerikanisch geprägtes Luxusschiff mit einer überschaubaren Kapazität von 600 Gästen und entsprechend viel Raum und Privatsphäre, ausschliesslich grossen Aussen- und Balkonsuiten, einer auserlesenen Gourmetküche und sehr hohem, persönlich-individuellen Serviceniveau. Ponant’s Le Bougainville ist nochmals um einiges kleiner, hat mit ihrer maximalen Kapazität von lediglich 184 Gästen fast schon den Charakter einer stylishen Expeditions-Privatyacht, zelebriert auf Upper Premium-Niveau den französisch-europäischen Lebensstil und gehört zur beliebten Serie der Explorer Class, welche auch abgelegene Regionen bereisen kann. TUI Cruises’ Mein Schiff 5 ist mit einer Kapazität von 2500 Gästen noch kein Megaschiff, aber gross genug, um als «Wohlfühlschiff» mit viel Platz ausgedehnte Spa-, Gesundheits-, Sport- und Fitnesselemente und eine auch für Familien und Kinder geeignete breite Auswahl an Gastronomie- und Unterhaltungsoptionen zu bieten. Ebenfalls im Angebot: eine Vielzahl von Kabinenkategorien von der preiswerten Innenkabine bis zur sich über zwei Decks erstreckenden Balkonsuite. Anderseits ist das Schiff gerade noch klein genug, um mit einem Premium-Produkt und gutem Service aufzuwarten und auf allzu viel Halligalli, Massenbespassung sowie Klettergärten, Wasserrutschen, Go-Kart-Bahnen und dergleichen, wie man sie auf den bei anderen Kundengruppen beliebten grossen Megaschiffen vorfindet, zu verzichten. Seabourn Ovation und Le Bougainville verfügen jeweils nur über einen relativ kleinen Pool, dafür aber über eine bordeigene Marina am Heck, welche an ausgewählten Liegeplätzen Wassersport und Schwimmen im Meer ermöglicht. Entsprechend heisst die Devise hier «Small is beautiful»! Die Mein Schiff 5 und ihre Schwesterschiffe verfügen aufgrund der höheren Gästezahl zwar nicht über eine Marina, können dafür aber mit einem industrieweit einzigartigen 25 Meter-Pool punkten, der echtes Bahnenschwimmen ermöglicht. Big(ger) kann also auch schön sein.

Die Seabourn Ovation vor Agios Nikolaos. Bild: Thomas P. Illes/thilles consulting

Und wie sieht es preislich aus?

Das durchschnittliche Preisniveau ist bei Seabourn und Ponant im höheren, bei TUI Cruises im mittleren Segment angesiedelt. Wobei es bei TUI stark darauf ankommt, welche Kabinen- oder Suitenkategorien man bucht. Alle drei Reedereien bieten zahlreiche Inklusivleistungen, für die man bei Reedereien des Volumen- bzw. Mainstreammarkts extra bezahlen muss. Letztere bieten dafür tiefere Einstiegspreise.

Die richtige Beratung bei der Wahl des richtigen Schiffs scheint also wichtig zu sein ...

Absolut! Kreuzfahrten wurden und werden in der breiten Öffentlichkeit und von zahlreichen Medien nach wie vor oftmals wenig differenziert und fälschlicherweise als eine einzige Einheit wahrgenommen. Dabei gibt es gewaltige Unterschiede. Es kommt sehr darauf an, welche Erwartungen an eine Kreuzfahrt wie erfüllt werden und welche Zielgruppen sowie Anhänger welcher Lebens- und Ferienformen angesprochen werden sollen. Eine kompetent-fundierte Beratung, beispielsweise von einem qualifizierten Reisebüro, ist entsprechend essenziell. Die richtigen Leute aufs richtige Schiff zu bringen, daran hat Corona überhaupt nichts geändert, ist nach wie vor eine der wichtigsten und grössten Herausforderungen der Industrie, um eine optimale Kundenzufriedenheit sicherzustellen. Hier passieren leider immer noch viele Fehler.

«Der Service ging fast durch die Decke.»

Doch nun zur Kardinalfrage: Wie war/ist das Kreuzfahrterlebnis auf diesen Schiffen in Coronazeiten? Wie eingeschränkt beziehungsweise wie frei ist man? Wie sicher fühlt man sich? Und: Fuhren die Schiffe mit voller Kapazität?

Die Stimmung und Atmosphäre war auf allen Schiffen ausnehmend harmonisch und entspannt. Alle Schiffe fuhren mit reduzierter Kapazität im Bereich zwischen 40 und 85 Prozent. Die 85 Prozent bei Ponant sind insofern zu relativieren, als dass die maximal mögliche Gästekapazität von kleinen Schiffen wie der Le Bougainville auch bei Vollauslastung sehr überschaubar ist. Für den Gast hat das den Vorteil, dass man im Moment aufgrund der Corona Massnahmen noch mehr Platz für sich hat und einen noch aufmerksameren Service erwarten darf. Bei Seabourn war der Aufmerksamkeitslevel fast schon unheimlich. Die Besatzung agierte zuweilen wie eine Horde energetischer Rennpferde, die es kaum erwarten konnte, aus ihren Boxen zu stürmen. Man spürte, wie erleichtert und froh die Crew war, endlich wieder fahren, zahlende Gäste empfangen und letztlich auch wieder Perspektiven für eine existenzsichernde Lebensgrundlage haben zu dürfen – der Service ging fast durch die Decke...

Insofern ist im Moment also sicher eine gute Zeit, eine Kreuzfahrt zu buchen. Grundsätzlich waren die Vorschriften überall sehr massvoll, absolut vertretbar und führten bei den Gästen nicht wirklich zu wesentlichen Einschränkungen, ausser, dass bei Ponant und TUI Cruises eine Maskenpflicht in den Innenräumen herrschte und die Selbstbedienung an den Buffets nicht möglich war. Sobald man sich irgendwo mit genügend Abstand setzte, ass oder trank, durfte auf das Tragen der Masken verzichtet werden. In den Aussenbereichen galt die Maskenpflicht nur, wenn das Social Distancing nicht eingehalten werden konnte, was aber aufgrund der reduzierten Passagieranzahl selten vorkam. Bei Seabourn gab es für die Gäste nahezu keine Einschränkungen mehr, die Maskenpflicht war aufgehoben, man durfte sich überall frei bewegen und sich auch an den Buffets selber bedienen. Der Preis für diese Freiheit war eine generelle Impfpflicht, auch für Kinder. Die Crews trugen auf allen Schiffen fast immer Masken, selbst bei Seabourn, obwohl hier sämtliche Besatzungsmitglieder ebenfalls vollständig durchgeimpft sind.

Im Bordhospital der Seabourn Ovation beim PCR-Test. Bild: thilles consulting

Besteht diese Impflicht für Passagiere bei Ponant und TUI Cruises demnach nicht?

Bei Ponant herrschte vor meiner Reise ebenfalls eine generelle Impfpflicht. Diese wurde später aufgehoben, ausser für Fahrtgebiete, in denen nicht die Reederei, sondern die Länder selbst, wie zum Beispiel Island oder Norwegen, eine vollständige Impfung vorschreiben. Laut Auskunft von Kommandant Jean-Edouard Perrot geschah dies aufgrund der Intervention französischer Gerichte. TUI Cruises fährt seit kurzem eine Doppelstrategie: vom 27. August an werden neu zusätzlich auch Kreuzfahrten nach Norwegen und im Mittelmeer unter dem Motto „Ganz große Freiheit“ ausschließlich für geimpfte Gäste angeboten. Damit gehen eine Reihe weiterer Lockerungen einher.

Zum Beispiel?

Die Rückkehr zu den gewohnten Freiheiten an Bord beinhaltet Dinge wie Selbstbedienung am Buffet, uneingeschränkte Saunanutzung, vielseitiges Unterhaltungsangebot in den Theatern, Bars und auf dem Pooldeck, wahlweise sitzend, stehend oder tanzend, organisierte Treffen und Veranstaltungen an Bord, mehr Kapazitäten bei Schiffsrundgängen oder individuellen Workshops an Bord sowie nun neu auch endlich wieder individuelle Landgänge auf den Reisen in Norwegen. Eine Maskenpflicht an Bord herrscht lediglich, wenn ein Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Die Reisen sind auf maximal 2.000 Personen begrenzt – inklusive Besatzung.

In Piräus vor der Einschiffung auf die Seabourn Ovation. Bild: Thomas P. Illes/thilles consulting

Wie sieht es mit der Testpflicht aus?

Seabourn und Ponant führten vor der Einschiffung am Hafenterminal einen zusätzlichen Antigen-Schnelltest durch. Bei TUI Cruises wurde am Terminal nicht mehr getestet, dafür waren bei einem vorgängigen Aufenthalt in Griechenland zwei zusätzliche negative Schnelltests Voraussetzung, welche 48 und dann nochmals 24 Stunden vor Einschiffung auf eigene Kosten durchgeführt werden mussten. Zusätzlich fand bei allen Reedereien während der Reise pro Woche an Bord je ein zusätzlicher Antigen-Schnell-, bei Seabourn ein PCR-Test statt. Kreuzfahrtschiffe haben den Vorteil, über bordeigene und bestens ausgestattete Bordhospitals zu verfügen. Des Weiteren erfolgten täglich obligatorische Temperaturmessungen, zum Teil an Bord, zum Teil an Land vor der Wiedereinschiffung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen klappte auch das absolut problemlos und war sehr gut organisiert.

Gab es ein Contact Tracing an Bord?

Vom Bewegungsprofil, welches man von den Gästen an Bord von Kreuzfahrtschiffen aufgrund der Möglichkeiten der Digitalisierung erstellen kann, können Epidemiologen an Land nur träumen. Es ist seit jeher, also bereits lange vor Corona, viel umfangreicher als dies infolge restriktiverer Datenschutzbestimmungen an Land möglich wäre. Das hat auch sicherheitsrelevante Gründe, zum Beispiel beim Thema Terrorabwehr. Mittels der vor der Reise herunterzuladenden reedereieigenen Apps sowie der persönlichen Schlüsselkarte, welche gleichzeitig als Identitätsausweis, Kabinenzugang und Zahlungsmittel dient, weiss die Schiffsleitung jederzeit, wer sich wie lange mit wem wo aufgehalten hat. Das ist in Coronazeiten ein gewichtiger Vorteil und schränkt das Ferienerlebnis nicht ein. Bei TUI Cruises wurden darüber hinaus von der Servicecrew bei allen Essens- und Getränkebestellungen, welche im Rahmen des Premium Alles Inklusive Konzepts nicht zahlungspflichtig waren, zusätzlich die Kabinennummer erfragt und die Personenangaben mittels Eingabe der Servicecrew in ein Tablet zusammen mit den bei der Einschiffung digital hinterlegten Fotos kurz überprüft.

Die Mein Schiff 5 von TUI Cruises in Katakolon. Bild: Thomas P. Illes/thilles consulting

Was wäre vorgesehen, wenn jemand positiv getestet wird?

Grundsätzlich ging es nie darum, keinen einzigen Corona-Fall zu verzeichnen, das wäre illusorisch. Die strengen Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen der Reedereien zielen vielmehr darauf ab, Ansteckungen rechtzeitig zu entdecken und einzugrenzen, betroffene Gäste und ihr Umfeld zu isolieren, sie unter sicheren, gleichwohl komfortablen Bedingungen zu befragen, nochmals zu testen oder zu behandeln und gegebenenfalls den Transfer in ein geeignetes Krankenhaus an Land zu organisieren. Wie sich mit all den sich weltweit wieder in Fahrt befindlichen Kreuzfahrtschiffen zeigte, scheint sich dieses System bislang zu bewähren.

Wie sah es mit individuellen Landgängen aus?

Das war lange Zeit eines der kontroversesten Themen. TUI Cruises betätigte sich hier insofern als Pionier, als dass die Reederei selbst in Zeiten, als noch gar keine Landgänge erlaubt waren, Cruises to Nowhere, sogenannte «Blauen Reisen» anbot. Dann kam das «Bubble»-Konzept, welches auch von anderen Reedereien angewendet wurde – Landgänge waren im Rahmen eines geschlossenen Systems nur mittels kontrollierter reedereieigener Ausflüge mit garantierter Hygienekette ohne Kontakt mit der Lokalbevölkerung möglich. Wer die Gruppe verliess, durfte nicht mehr zurück aufs Schiff. Solange die Lockdown-Bestimmungen an Land strenger waren als im geschützten Umfeld an Bord, war das tatsächlich die einzige Alternative. Und zwar sowohl für die Reedereien als auch für die Regierungs- und Gesundheitsbehörden der einzelnen Länder. Etwas absurd wurde die Situation, als erste Länder anfingen, ihre Bestimmungen schnell im grösseren Stil zu lockern und Geschäfte, Restaurants und Bars wieder öffneten, diese für Kreuzfahrtgäste aber nicht zugänglich waren. Im Falle von Griechenland monierten gewisse Destinationen zudem zu Recht, dass sie überhaupt kein Interesse an Kreuzfahrtgästen hatten, solange diese in Heerscharen in isolierten Gruppen durch die Gassen gelotst wurden, aber keinesfalls für einen Kaffee oder Shopping, geschweige denn für ein lokales Mittag- oder Abendessen Halt machen durften. Davon hatte die Lokalbevölkerung rein gar nichts. Mit fortschreitender Impfquote und den Sicherheits- und Hygieneprotokollen, welche die Reedereien in Zusammenarbeit mit der CLIA Cruise Lines International Association sowie den lokalen Gesundheitsbehörden ausarbeiteten, haben wir mittlerweile wieder eine andere Ausgangslage: individuelle Landgänge auf eigene Faust sind nun in bestimmten Regionen – vorerst auch für ungeimpfte negativ Getestete – wieder möglich. Wie lange das ohne Impfpflicht aufrecht zu erhalten sein wird beziehungsweise was für nicht zu impfende Kinder unter 12 Jahren längerfristig gelten soll, ist wieder eine andere Frage.

«Unter allen Umständen will die Cruise Industrie einen grösseren Ansteckungsherd vermeiden – das Überleben einer ganzen Branche hängt davon ab!»

Gab es weitere Massnahmen?

Die Cruise Industrie war und ist sich absolut bewusst, wie wichtig es auf jedem einzelnen Schiff unabhängig von welcher Reederei ist, unter allen Umständen einen grösseren Ansteckungsherd zu vermeiden – das Überleben einer ganzen Branche hängt davon ab! Die getroffenen zusätzlichen Massnahmen sind entsprechend umfangreich. Sie reichen von Crowd Management-/Social Distancing-Massnahmen wie zeitlich versetztes Einchecken, restriktive Kapazitätskontrollen in bestimmten Aufenthaltsbereichen, Abstandsregelungen über zusätzliche Desinfektionsstationen, digitale Menu- und Getränkekarten bis zu umgerüsteten Lüftungsanlagen, speziellen Isolierzonen, usw. Tendenziell gilt: je grösser ein Schiff, desto umfassender und aufwändiger der Massnahmenkatalog. Vieles wird von den Gästen jedoch nicht direkt wahrgenommen, sondern läuft diskret im Hintergrund. Da wo ein aktives Mittun oder eine Verhaltensänderung der Gäste gefragt war, lief alles sehr diszipliniert, friedlich und stressfrei ab. Auch die Passagiere nahmen die Möglichkeit, wieder reisen zu können, als ganz und gar nicht selbstverständliches Privileg wahr, niemand schien dieses leichtfertig aufs Spiel setzen zu wollen.

Seabourn-Präsident Josh Leibowitz im Gespräch mit Thomas P. Illes. Bild: thilles consulting

Sie haben unter anderem auch den Seabourn Präsidenten Josh Leibowitz getroffen und sich eingehend mit ihm ausgetauscht. Wo sieht er die grössten Herausforderungen?

Auch Josh zeigte sich in erster Linie vor allem erleichtert und erfreut, dass sich die monatelange Vorbereitungszeit und die viele im Vorfeld geleistete Arbeit, welche mit einem solchen Restart verbunden ist, endlich Früchte trug und das erste Schiff der Flotte seinen Dienst nach dieser langen Zwangspause wieder erfolgreich aufnehmen konnte. Zugleich stellte er mit Genugtuung, aber auch mit einer gewissen Überraschung fest, dass ein grosser Teil der Premierengäste First-Time Cruiser waren oder zumindest das erste Mal mit Seabourn reisten. Hier vermochte er der Pandemie und den daraus möglicherweise neu entstehenden Reisetrends auch positive Aspekte abzugewinnen. Auf der anderen Seite ist er sich vollkommen im Klaren, dass es noch ein langer Weg ist, bis man flottenweit wieder in der Gewinnzone operieren und alle Schiffe einsetzen können wird. Neben logistischen und operationellen Herausforderungen ist es auch die lange Vorlaufzeit, die es zum Beispiel marketing- und promotionsmässig braucht, ein internationales Kreuzfahrtprodukt für eine gewisse Region in der richtigen Saisonalität zu etablieren und wieder zuverlässig buchbar und durchführbar zu machen. Sorgen bereiten ihm in diesem Zusammenhang die nach wie vor vorhandenen Reiserestriktionen für eine Vielzahl klassischer Winterziele sowie die täglich wechselnde Ausgangslage und ausgeprägte Dynamik in einer Vielzahl von Bereichen, was es schwierig und enorm aufwändig macht, zu planen. Aber da ist er natürlich nicht allein. Ausser der Seabourn Ovation im Mittelmeer und der seit kurzem in der Karibik fahrenden Seabourn Odyssey liegt deshalb der Rest der Flotte nach wie vor beschäftigungslos auf und soll phasenweise erst im Zeitraum Ende 2021 bis Anfang 2022 wieder zum Einsatz kommen. Auf längere Sicht stellt er ein enormes Interesse, einen ausgeprägten Nachholbedarf und grosses Wachstumspotenzial für Kreuzfahrten, insbesondere auch im gehobenen und Luxussegment sowie für Seabourn fest: «Bouncing back stronger than ever», lautet das Kredo. Ähnlich – natürlich auf französisch – klang es bei Ponant. Beide Reedereien zeigen sich überzeugt, mit ihren Produkten aufgrund der Güte und Qualität mit jedem Boutique-Hotel an Land mithalten, oder es gar übertreffen zu können, mit dem Vorteil, dass die inspirierende Szenerie auf einem Schiff tagtäglich wechselt.

Und wie schätzen Sie die kommenden Monate für die Kreuzfahrt-Industrie ein? Gelingt ein breiter Restart?

Ich denke grundsätzlich ja. Vielleicht unter etwas geänderten Vorzeichen und vorläufig mit sicher tieferen Umsatzrenditen, als sie sich die Industrie vor der Pandemie gewohnt war. Aber die Branche zeigte sich schon wiederholt sehr krisenresistent und kreativ in Lösungsfindungen.

Das Ponant-Schiff «Le Bougainville» zum Einstieg bereit in Nafplion. Bild: Thomas P. Illes/thilles consulting

Sie sehen also keine dunklen Wolken am Horizont?

Oh doch, da gibt es schon ein paar ... Ein grosses Fragezeichen stellt auch für mich das kommende Winterhalbjahr dar, welches auch im Kreuzfahrtgeschäft eher ein Fernreisemarkt ist. Gegenwärtig ist dieser noch mit zusätzlichen Restriktionen und Unsicherheiten belegt. Das nagt am Kundenvertrauen und schmälert die Reisebereitschaft. Die Hoffnung der Branche liegt nun im Last-Minute-Geschäft. Oder aber man pausiert oder routet wieder um. Aber wohin? Sollen sich nun alle gleichzeitig in den verbleibenden Destinationen tummeln? Das macht aus vielerlei Hinsicht keinen grossen Sinn. Hinzu kommen mögliche politische Verwerfungen, zum Beispiel im Mittleren Osten. Vor allem bei kleineren, nicht einem grossen Konglomerat angehörenden Reedereien stellt sich überdies die Frage, wie dick oder dünn ihre Kapitaldecke noch ist beziehungsweise wie gross ihre Chancen sind, sich an den Finanzmärkten einigermassen gesund mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen. Trotzdem: Als der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx im Mai vergangenen Jahres im «Club» von SRF bedeutungsschwanger verlauten liess, dass Kreuzfahrtschiffe nicht wiederkommen werden, erachtete ich das schon damals als eine ziemlich abenteuerliche und erstaunlich unfundierte These. Generell fiel auf, dass Corona etlichen Influencern und prominenten Meinungsbildnern als Anlass diente, sich noch mehr und fast ausschliesslich negativ über das Thema Kreuzfahrten auszulassen, obschon sie wenig bis gar keine Ahnung über die Marktmechanismen der Hochseetouristik bewiesen. Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche und breite Weiterführung des globalen Restarts ist natürlich, dass die Pandemie beherrschbar bleibt oder beherrschbarer und das Reisen nicht wieder durch neue Virusvarianten eingeschränkt oder gar verunmöglicht wird. Positiv stimmt mich, dass die Industrie längst überfällige Restrukturierungstendenzen zeigt und die Sensibilität für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen gewachsen ist. Sorge bereitet mir, dass dies im Zuge der immer heftiger geführten Debatte um den Klimawandel womöglich nicht im nötigen Masse geschieht und/oder Konsequenzen nicht schnell genug gezogen werden, obschon gerade von der Kreuzfahrt- und Fährindustrie etliche positive Impulse für eine ökologisch nachhaltigere Schifffahrt ausgehen. Auch kommuniziert die Branche in weiten Teilen nach wie vor nicht transparent und offen genug, was sich in der Aussenwahrnehmung, wie das in der Vergangenheit schon des Öfteren der Fall war, leicht als Bumerang erweisen kann. Wenn mir aber beispielsweise Minas Papadakis, Managing Director der Heraklion Port Authority im Zuge seines Privatisierungsprozesses und der damit verbundenen Investorensuche darlegt, dass sein Fokus beim geplanten Ausbau des Hafens für Kreuzfahrtschiffe vor allem auch in der Nachhaltigkeit bei gleichzeitig vermehrter Einbindung und Gewinnpartizipierung der Lokalbevölkerung in der Wertschöpfungskette liegt, sind das genau die Dinge, die ich im Einklang mit etlichen anderen Industrieanalysten schon lange für die Industrie wünsche und propagiere. Falls Bestrebungen dieser Art konsequent umgesetzt werden und es die Industrie in absehbarer Zeit gleichzeitig schafft, sich wieder eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage zu schaffen, sehe ich keinen Grund, warum die Zukunft von Hochseekreuzfahrten nicht wieder eine rosige sein kann. Die Nachfrage und der Bedarf bei Kunden für diese Ferienform sind da.

Wird die Kreuzfahrt je wieder die gleiche sein, wie vor der Pandemie?

Womöglich werden wir in nächster Zeit eine gebremste Euphorie in der Entwicklung noch grösserer Schiffe erleben. Tourismusanbieter müssen sich ohnehin fragen, inwiefern das vor Corona gehuldigte ungebremste Wachstum im Sinne von Masse statt Klasse noch eine Prämisse der Zukunft sein kann. Hier sollten wir allerdings nicht vergessen, dass etlichen Leuten aufgrund der Krise Kaufkraft verloren ging, was den Wunsch nach Billigangeboten im Tourismus – siehe Luftfahrt im Kurzstreckenverkehr – wieder vermehrt befeuern könnte. Auch gibt es noch eine Reihe brach liegender Quellmärkte mit viel Entwicklungs- und Wachstumspotenzial. Es liegt ganz bestimmt nicht an mir vorschreiben zu wollen, wer global zu welchen Preisen wie reisen können und wer sich in Verzicht üben soll. Aber wir werden Probleme wie Overtourism oder fehlende Nachhaltigkeit – nicht nur bei Kreuzfahrten – proaktiv angehen und eher früher als später lösen müssen.

(GWA)