Cruise

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Trotz Unsicherheit ist die Nachfrage nach Kreuzfahrten wieder gestiegen. Bild: NWI

Cruise-Industrie hofft auf grossen Nachholbedarf

Von Nina Wild

Die Kreuzfahrtbranche kommt nur langsam wieder in Gang. Travelnews hat sich bei zwei Cruise-Spezialisten umgehört, wie es um die aktuelle Nachfrage steht, wie wichtig die Solidarität von den Stammkunden ist und wieso die Hoffnung noch nicht erloschen ist.

Das letzte Jahr war aus bekannten Gründen kein einfaches für die Kreuzfahrt-Industrie. Seit März 2020 steht ein Grossteil der Hochsee-Flotten weltweit still. Nachdem sich gegen den Herbst etwas Erholung abgezeichnet hat und mehrere Reedereien ihre Neustarts gewagt haben, geht es nun eher wieder bergab. Mehrere Reedereien haben angekündigt, die Kreuzfahrten bis Ende Januar, Februar oder gar April 2021 erneut auszusetzen.

Wie wirkt sich diese Unsicherheit auf die Nachfrage von Kundenseite aus? «Seit Anfang Jahr stellen wir wieder ein steigendes Interesse der Kundschaft fest. Die Leute wollen reisen, sie wollen sich auf schöne Ferien freuen und deshalb wird jetzt auch vermehrt wieder gebucht», sagt Cornelia Gemperle, Geschäftsführerin von Kuoni Cruises auf Anfrage von Travelnews. Dies bestätigt auch George Studer, Geschäftsführer und Firmengründer vom Cruise Center in Zürich: «Die Kunden sind grundsätzlich interessiert zu reisen und die Nachfrage zumindest bei Kreuzfahrt-Liebhabern ist gross. Wir erhalten auch viele Anfragen von Kunden. Jedoch sind diese sehr langfristig.» Die Leute seien realistisch und fragen nach Kreuzfahrten für November oder gar erst Anfang 2022. Besonders gut kämen zurzeit exotische und speziellere Routen an. Kreuzfahrt-Neulinge oder solche die einfach nach günstigen Ferien suchen, hat der Spezialist aktuell hingegen gar nicht auf dem Radar.

Stammkunden buchen wieder und wieder um

Gegen März 2020 haben die Reedereien weltweit begonnen, ihren Betrieb einzustellen. Viele Passagiere waren deshalb gezwungen, ihre Reisen entweder zu annullieren oder umzubuchen, beispielweise auf den Herbst oder gar einfach ein Jahr später. Aktuell sieht es nicht so aus, dass sich das Geschäft in Kürze normalisieren wird. Dies bestätigt auch Gemperle: «Ich hoffe, und gehe davon aus, dass so ab Mai/Juni die Reedereien langsam ihre Schiffe wieder in Betrieb nehmen können und werden. Fahrten im Mittelmeer und Nordeuropa sollten wieder möglich sein.» Dabei wird aber mit einem gestaffelten Start der Schiffe gerechnet, sodass gewisse Reisen nicht durchgeführt werden können. Es stellt sich also die Frage, was mit den bestehenden Buchungen passiert.

«Die Solidarität von den Kunden gegenüber Reisebüros und Kreuzfahrtspezialisten ist sehr gross», sagt Studer, «deshalb wurden ja auch viele Reisen auf dieses Jahr umgebucht.» Doch mittlerweile verliere der ein oder andere Kunde die Nerven und fordere das Geld zurück - vor allem wenn er bereits fünf oder sechs Mal umgebucht wurde. Grundsätzlich gibt es aber verschiedene Kundengruppen. Die Stammgäste, welche für die Reiseform an sich brennen und beispielsweise Familien, die zum ersten Mal eine Buchung getätigt haben, weil es ein Angebot mit einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis gab. «Die Kreuzfahrt-Liebhaber machen das Spiel mit den Umbuchungen natürlich mit, weil es für sie um das Reiseerlebnis an sich geht.» Die andere Kundengruppe wiederum beginnt nun, das Geld zurückzufordern. So könne das Ferienbudget für andere Dinge eingesetzt werden, welche absehbarer und verbindlicher sind. «Für uns beginnt die ganze Umbuchungsgeschichte nun von Neuem. Ende November haben wir die Verschiebungen für das 2020 abgeschlossen und nun geht es mit 2021 von vorne los», bedauert Studer. Man müsse sich überlegen, ob weitere Umbuchungen überhaupt Sinn machen oder ob es nicht besser sei, einen Schlussstrich zu ziehen und eine neue, frische Buchung zu tätigen. Teilweise wurden für die Kunden verschiedene Modelle mit Gutscheinen für die Umbuchung gewählt, was eine erneute Umbuchung komplex mache. Es stelle sich die Frage, ob dies für den Kunden überhaupt zumutbar sei. «Ich verstehe jeden Kunden, der nicht noch einmal umbuchen sondern lieber neu anfangen möchte», so Studer weiter.

«Es ist gut möglich, dass gewisse Kreuzfahrten im Frühling immer noch nicht stattfinden können. Hier wird man, wie im letzten Jahr, versuchen die Reise auf einen neuen Termin umzubuchen», erklärt Gemperle, «die Reedereien und wir haben mittlerweile leider auch Übung im Umbuchen, wir hatten ja auch Kunden die letztes Jahr von Frühling auf den Herbst umgebucht hatten und bereits ein zweites Mal umgebucht werden mussten. Aber die Schiffsliebhaber wollen wieder auf Kreuzfahrt und buchen darum auch wieder um.» Als positiv empfindet die Cruise-Spezialistin auch die Rabatte der Kreuzfahrtgesellschaften, die bei einer Umbuchung winken und auch bei weiteren Änderungen der Buchung geltend gemacht werden können. Studer appelliert bei seinen Kunden, diese Gutscheine und Discounts unbedingt einzulösen.

Hoffnung auf Nachholfbedarf

Zur generellen Einschätzung über die Erholung der Kreuzfahrt-Industrie sagt Cornelia Gemperle: «Wenn die Reiseplanung wieder sicherer wird, bin ich überzeugt werden wir auch für kurzfristige Abreisen wieder einen Nachholbedarf haben. Gerade Stammkunden können es kaum erwarten wieder auf See zu sein.» Auch Studer geht davon aus, dass verpasste Kreuzfahrten nachgeholt werden wollen. Er empfiehlt seinen Kundinnen und Kunden, langfristig zu buchen oder umzubuchen, da es bereits jetzt zu Kapazitätsengpässen auf künftigen Cruises kommt. Dies, weil die Flotten verkleinert und Schiffe en Masse verkauft werden. «Wir gehen deshalb davon aus, dass durch die geringeren Kapazitäten die Preise mittelfristig steigen werden. Hier profitieren die Reisenden bei langfristigen Umbuchungen wieder von den Gutscheinen und Rabatten der Reedereien», erklärt Studer.

Für den Sommer wird es aber dennoch Schnäppchen-Angebote geben, ist sich der Kreuzfahrt-Spezialist sicher. Dies hänge aber davon ab, als wie effizient sich der Impfstoff erweisen wird. Werde dieser europaweit oder global anerkannt, könnten gewisse Korridore zwischen den Ländern geschaffen werden, welche die Kreuzfahrt-Gäste empfangen. Er könne sich auch vorstellen, dass der Zugang auf ein Schiff in Zukunft nur mit einem Impfnachweis möglich ist. Gleichzeitig würden aber weiterhin die Covid-19-Schutzmassnahmen umgesetzt, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Somit sei ein Schiff keine Risikozone mehr. Dafür müssten aber die Passagiere in Kauf nehmen, dass sie sicher im 2021 keine individuellen Landausflüge unternehmen können. Studer erklärt: «Es hängen aktuell extrem viel verschiedene Faktoren davon ab, dass Kreuzfahrtschiffe in verschiedenen Ländern anlegen dürfen. Die Behörden fürchten, dass die besuchten Länder aufgrund von Kreuzfahrtgästen zu Hotspots werden».

Und welche Schiffsgrösse ist künftig beliebt? «Grosse Schiffe mit einer vielseitigen Infrastruktur haben den Vorteil, dass sie so viel bieten, dass der Kunde gar nicht unbedingt von Bord muss. Zusätzlich sind die Kapazitäten reduziert, sodass die Reisenden mehr Platz haben. Ein Kunde der nicht anspruchsvoll ist und in Kauf nimmt, dass Destinationen sicher dieses Jahr nicht individuell und kompakt erkundet werden können - was aber eine Kreuzfahrt ja eigentlich ausmacht - der wird dennoch verreisen», sagt Studer. Gemperle wiederum glaubt, kleine Schiffe seien vorerst angesagt: «Reedereien mit kleineren Einheiten und weniger Passagieren werden wohl zu Beginn von den Kunden bevorzugt und haben einen Vorteil. Erstkreuzfahrer sind sicher anfänglich schwieriger für diese Reiseart zu begeistern. Aber ich bin sicher, die Industrie kommt wieder auf Kurs, auch wenn es vorerst mit weniger Knoten als gewohnt vorwärts geht.»