Cruise

venezia1.jpg
Über 8000 Menschen demonstrierten am Samstag in Venedig gegen grosse Kreuzfahrtschiffe. Bilder: DWB

Basta! Die Venezianer haben genug von den Kreuzfahrtschiffen

Von Dominik Buholzer

Nachdem ein Kreuzfahrtschiff ein Touristenboot gerammt hat, gehen in Venedig die Emotionen hoch. Am Samstag kam es zu einer riesigen Kundgebung. Die Demonstranten brachen dabei mit einem Tabu. Travelnews.ch war vor Ort.

Giorgio hat es mit dem Rücken. Doch das hindert den 80-Jährigen nicht, der Demonstration gegen die Kreuzfahrtschiffe teilzunehmen. «Wir müssen Venedig schützen. Wir leben hier in einer Lagune, da ist das Klima noch viel heikler als auf dem offenen Meer», betont er.

Es ist kurz vor 4 Uhr am Samstagnachmittag und die Promenade bei Zattere in der Nähe des Kreuzfahrtterminals füllt sich immer mehr. Laut den Organisatoren, der Bürgerbewegung «No Grandi Navi» (Keine grossen Schiffe), waren es über 10’000, die am vergangenen Samstag kamen. «Il Gazzettino», das regionale Blatt, schreibt von über 8000 Demonstranten.

Der Unmut über die Schiffsriesen hat in Venedig einen neuen Höhepunkt erreicht. Auslöser war ein Zwischenfall am Sonntag vor einer Woche. Ein Kreuzfahrtschiff rammte beim Anlegen in der Lagunenstadt ein Touristenboot, auf dem sich zum Unglückszeitpunkt rund 130 Personen befanden. Vier Touristinnen wurden bei dem Zwischenfall verletzt. Laut dem Kapitän soll ein technischer Defekt bei der Schubumkehr zum Unfall geführt haben: das Schiff sei bei der Anfahrt auf die Hafenmauer schneller statt langsamer geworden. Die Staatsanwaltschaft will es genau wissen und ermittelt wegen Verdachts der Missachtung der Sicherheitsvorschriften gegen den Kapitän.

«San Marco gehört uns!»

Derweil haben die Einheimischen genug von den Kreuzfahrtschiffen. «Basta!» ist auf Plakaten zu lesen. Und auch: «U are not welcome» (Ihr seid nicht willkommen). Gegen 3000 Demonstranten brachen am Samstag mit einem Tabu: Sie zogen auf den Markusplatz wo sie von einem Grossaufgebot der Polizisten aufgehalten wurden. Bislang hielten sich die Demonstranten immer an die Auflagen der Behörden und blieben dem historischen Platz fern. «San Marco gehört uns, den Einheimischen, und schon gar nicht den Reedereien oder Spekulanten», tönt es aus Lautsprechern. «Ihr seid nicht willkommen», steht auf einem Plakat; «Schämt euch, ihr Monster», auf einem anderem.

Seit 2017 wird in Venedig über eine Verbannung der grossen Riesen aus der Lagunenstadt gestritten. Pläne dazu gibt es schon länger . Unter anderem wird erwogen, dass die Schiffe in der Industriegegend von Marghera anlegen. Das wäre laut Giorgio gar nicht einmal so schlecht: «Man könnte dann die Touristen mit Elektrobooten in die Stadt bringen. Das wäre nicht nur aus der Sicht des Umweltschutzes besser, sondern auch wirtschaftlich sinnvoller. Es würden neue Stellen geschaffen», betont er.

Doch dies alleine dürfte Venedig nicht wirklich helfen. Denn der Stadt machen längst nicht nur die Abgase der Schiffe zu schaffen, sondern immer mehr auch die Touristenmassen. An Pfingstsonntag legten sieben Schiffe an und spülten 19’000 Besucher in die Stadt – die 70’000 Personen, die täglich über den Landweg kommen nicht mitgerechnet.

1,56 Millionen Besucher, 10% mehr als im Vorjahr

Solche Massen muss eine Stadt wie Venedig, wo rund 59’000 Menschen im historischen Teil leben, erst einmal bewältigen können. Eng wird es vor allem rund um San Marco. Deshalb hat die Stadtverwaltung begonnen, die alten Brücken mit riesigen Rampen zu versehen, damit der Touristenstrom nicht zu sehr ins Stocken gerät.

Der Unfall am Sonntag vor einer Woche hat die Venezianer aufgerüttelt. Die Protestbewegung erfährt immer mehr Unterstützung. Doch trägt der Widerstand auch Früchte? Giorgio wiegt den Kopf hin und her. «Ich bin mir da nicht so sicher», sagt er schliesslich. Denn trotz den heute schon immensen Massen kommen immer mehr Kreuzfahrttouristen. 2018 legten 1,56 Millionen in Venedig an, fast 10 Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr könnten es noch mehr werden. Und die Stadt muss mit immer neuen Tageshöchstwerten zurechtkommen. An Pfingstsonntag wurde mit sieben Schiffe der bisherige Höhepunkt erreicht. Dieser wird bereits am 13. Juli wieder überholt sein. Dann werden in der Stadt neun Schiffe mit fast 20’000 Besuchern erwartet.

Und dann gibt es da laut Giorgio noch ein ganz anderes Problem: Viele Touristen verstehen die Botschaft der Demonstranten gar nicht. «Es gibt noch immer solche die meinen, wir würden sie mit unseren Fahnen willkommen heissen», sagt er. Giorgio wird also noch an so manche Demonstration gehen müssen – Rückenschmerzen hin oder her.