Business Travel

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Manche Unternehmen sehen auf diesem Bild nur einen luxusverwöhnten Manager. Andere sehen einen Manager, der Inspiration und gewissermassen auch Work/Life-Balance findet und damit dem Unternehmen auch etwas zurückgeben kann. Bild: Artem Zhukov

Kommentar Die «soft factors» werden zum Comeback der Geschäftsreise verhelfen

Von Jean-Claude Raemy

Viel wird aktuell diskutiert, ob Geschäftsreisen je wieder auf das Niveau vor Corona zurückkehren werden. Zumindest von der Kostenseite her spricht vieles dagegen. Doch vielleicht wird die «soft power» von Geschäftsreisen auch unterschätzt.

Irgendwann mal wird Corona Geschichte sein, bzw. man wird es, wie andere Krankheiten, weitgehend im Griff haben. Dann wird auch Reisen wieder mit deutlich weniger Einschränkungen möglich sein. Allerdings verändert die aktuelle Krise das Reisen auch nachhaltig. Ganz besonders betroffen ist die Geschäftsreisebranche. Während nämlich die Hotellerie, der Flugverkehr oder auch das Reiseveranstaltergeschäft sich auf eine Rückkehr zu früheren «Höhen» einstellen, irgendwann mal, stellt sich im Bereich Business Travel die Frage, ob diese Höhe jemals wieder erreicht wird.

Das hat damit zu tun, dass man sich in der Corona-Zeit nun an andere Kommunikationsformen gewöhnt hat. Und dann gibt es auch den jetzt mehr als je zuvor wichtigen Punkt der Kosten. Vor der Pandemie wurde nie gross darüber nachgedacht, wie sinnvoll es ist, Manager in teuren Business-Klassen um den Globus zu fliegen für teils kurze Meetings.

Allerdings ist die Rückkehr des Sektors Geschäftsreisen nicht nur für TMCs (Travel Management Companies) von grosser Wichtigkeit, sondern auch für die Luftfahrt und für die Hotellerie. Diese haben grösstes Interesse daran, die lukrativen Geschäftsreisenden wieder zurück zu haben. Laut PriceWaterhouseCoopers machten Geschäftsreisende vor Corona bis zu 75 Prozent des Umsatzes auf vielen Flügen aus. Oder anders formuliert: Eine Airline konnte Geld verdienen, auch wenn das Flugzeug hinten leer war, sofern die Premiumklassen voll waren. Zu Ende gedacht: Günstige Eco-Tarife gab es unter anderem dank teuer zahlenden Geschäftsreisenden. Somit ist die Frage nach dem Comeback von Geschäftsreisen für das ganze Ökosystem der Reisewelt durchaus von grosser Relevanz.

Es wird ein Comeback geben - nur anders

Eines der Argumente, welche immer wieder pro Geschäftsreisen ins Feld geführt werden, ist der Wert von Face-to-Face-Begegnungen. Dies wurde auch an der soeben zu Ende gegangenen virtuellen Ferienmesse «Land in Sicht» da und dort ins Feld geführt. Der Aufbau von persönlichen Seilschaften erfolgt live und nicht virtuell. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber wurde in Sachen Geschäftsreisen diesbezüglich früher nicht etwas übertrieben? Ist wirklich für jedes Meeting ein persönliches Treffen nötig? Fragt man in grösseren Unternehmen den CFO, so würde dieser wohl am liebsten jedes Meeting nur noch virtuell abhalten. Wobei dies auch viel von den Unternehmen abverlangt - die verhasste Sitzungskultur einfach in den virtuellen Raum zu verlegen, ist noch nicht «Digitalisierung». Und in Bezug auf Geschäftsreisen braucht es eine saubere Definition dessen, was wirklich im Live-Modus notwendig ist und was nicht. Manche Airlines denken, dass Erstere das Sagen haben werden - und rechnen mit einem fortdauernden Minus im zweistelligen Prozentbereich bei der Business-Kundschaft.

Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren, dass nun vielleicht viel mehr Menschen aus geschäftlichem Antrieb reisen werden. Zahllose Länder promoten sich als «Remote Working Standorte», zum Beispiel die Seychellen. Viele Personen sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt, um von dort aus zu arbeiten - und wenn dann die Firma mal wieder die ganze Arbeitnehmerschaft zusammen haben will, kommt es zur grossen Reisebewegung. Vielleicht nicht alle in der Champagnerklasse, aber immerhin.

Unter dem Strich kann man wohl festhalten, dass sich die Geschäftsreisewelt verändert und der Kostenfaktor sicher auf Dauer im Fokus stehen wird. Aber rein vom Volumen her bin ich mir nicht sicher, dass «Geschäftsreisen» künftig weniger sein werden. Hier kommen alle «Soft-Faktoren» der Geschäftsreisewelt ins Spiel: Kennenlernen und Kundenpflege funktionieren live, vielleicht bei einem Glas Wein, einfach besser. Manchmal braucht es auch den physischen Ausbruch aus dem Büroalltag. Für die Reisebranche selber wie auch für andere Industrien gesprochen: Man muss neue Märkte selber sehen, um Ideen zu entwickeln und Inspiration zu gewinnen. Man muss die Welt «spüren» oder «erleben», um darin Bleibendes zu schaffen. Unter diesem Aspekt betrachtet, unterscheiden sich Geschäftsreisen nur im Zweck von herkömmlichen Reisen. Und da Geschäfts- und Privatreise sowieso immer öfter kombiniert wird, steht einem Comeback von Geschäftsreisen mittelfristig eigentlich nichts im Weg.