Business Travel

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Dr. Andreas Wittmer von der Universität St. Gallen hat das mögliche Geschäftsreiseverhalten nach Covid-19 mittels einer Studie untersucht und die Resultate anlässlich des 5. Schweizer Aviatik Symposiums am Flughafen Zürich vorgestellt. Bild: TN

So sieht die Zukunft der Geschäftsreise aus

Von Gregor Waser

Das Center for Aviation Competence der Universität St. Gallen hat 500 Firmen nach ihrem künftigen Flug- und Meetingverhalten befragt. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Studienleiter Dr. Andreas Wittmer nimmt Stellung.

Wie verändert die Coronakrise das Flugverhalten von Geschäftsreisenden? Mutmassungen werden derzeit viele geäussert. Das Center for Aviation Competence der Universität St. Gallen wollte es genauer wissen und befragte vom 5. November 2020 bis 7. Januar 2021 total 503 Schweizer Firmen, deren Travel Managers und Business Traveller – und führte darüber hinaus qualitative Gespräche mit Geschäftsreisebüros.

Anlässlich des 5. Schweizer Aviatik Symposiums (hier der Link zum Stream, Dauer 2:20 Stunden) stellte Dr. Andreas Wittmer, Managing Director Center for Aviation Competence, die ersten Ergebnisse der noch laufenden Studie vor. Mit grossem Interesse dürften die Zuhörenden der Airline-Industrie die Konklusionen aufgenommen haben, stehen doch Airlines derzeit in der delikaten Situation, die Planung für eine Post-Corona-Zeit zu konkretisieren. Zur Erinnerung: Swiss-CEO Dieter Vranckx rechnet für das Jahr 2023 mit einer Nachfrage beim gesamten Flugaufkommen von 80 bis 85 Prozent zum Vorkrisen-Niveau, 2024 mit 90 Prozent.

Videokonferenzen gehören zum täglichen Leben

In der Studie der Universität St. Gallen geht es zunächst um die Frage der Videokonferenzen und wie sich deren Nutzung jüngst entwickelt hat. Erst 38 Prozent der Befragten nutzten im Jahr 2019 die Möglichkeit von Videokonferenzen. Nun ist im vergangenen Jahr dieser Anteil auf 84 Prozent emporgeschnellt.

Frappant ist auch der Anstieg der Vielnutzer von Videokonferenzen. Ein Drittel der Befragten befanden sich im letzten Jahr täglich in fünf und mehr Videocalls.

-31% Kurzstrecke, -20% Langstrecke

Doch wie beurteilen die Geschäftsreisenden nun ihr künftiges Flugverhalten «nach Corona»? Auf der Kurzstrecke dürften Geschäftsreiseflüge um einen Drittel (- 31,3%) zurückgehen. Waren es bisher 18 Geschäftreise-Flüge innerhalb Europas im Durchschnitt und Jahr, gehen die Befragten künftig von rund 12 Flügen zu geschäftlichen Zwecken aus.

Auf der Langstrecke beläuft sich der Rückgang von Geschäftsreisen gemäss der Umfrage auf 19,6 Prozent – von knapp 7 auf etwas mehr als 5 Langstrecken-Flüge im Jahr.

Nach den Gründen einer freiwilligen Reduktion von Geschäftreisen befragt, werden drei Punkte genannt. Als wichtigster Grund nennen die Umfrageteilnehmer Kosteneinsparungen sowie eine Zeitersparnis wie auch das Klima. Zum Thema Klima äussert sich Andreas Wittmer unter anderem im unten folgenden Interview. Denn bei diesem Punkt gab es bei der quantitativen und qualitativen Befragung grosse Unterschiede.

Top Manager bleiben an Bord

Zu einer erstaunlichen Auswertung kommt die Studie auch bei der Frage, auf welcher Managementstufe es Veränderungen im Flugverhalten geben wird. Und da zeigt sich: Unternehmer und Top Manager werden künftig auf der Langstrecke noch häufiger zu sehen sein. Auf allen anderen Managementstufen oder bei Sachbearbeitern zeichnet sich sowohl auf der Kurz- wie auf der Langstrecke eine deutliche Reduktion ab. Angestellte/Sachbearbeiter werden wohl künftig weniger als die Hälfte der bisherigen Flüge wahrnehmen – das Video-Meeting scheint's auch zu tun.

Die Gewinnerin ist ... die Premium Eco

Für Airlines von entscheidender Bedeutung ist die künftige Kabinenaufteilung. Nachdem viele Airlines künftig auf die Zwischenklasse der Premium Economy setzen, steht die Frage im Raum: wie verlagert sich künftig die Nutzung der einzelnen Klassen? Hier dürften Airlines insofern aufatmen, wenn sie gemäss der vorliegenden Befragung feststellen, dass von einer Abwanderung aus der Business Class Richtung Premium Economy nicht gerechnet werden muss. Vielmehr geht die Studie der Universität St. Gallen davon aus, dass die Premium Economy von bisherigen Economy-Passagieren genutzt wird.

Persönliche Kontakte, non-verbale Kommunikation

Ein Jahr hinter dem Bildschirm... Was spricht für baldige, physische Meetings? Die Studie bietet auch Antworten hierzu. Die soziale, informelle, spontane Interaktion treiben physische Meetings an.

Was sagt Studienleiter Dr. Andreas Wittmer zu den vorliegenden Ergebnissen? Wir haben ihn im Anschluss an die Präsentation der Studie befragt.

Herr Wittmer, welche Aussagen Ihrer Studie haben Sie am meisten überrascht?

Dr. Andreas Wittmer: Dass bei der qualitativen Abfrage das Thema Klima und Umwelt stark unterging, bei der quantitativen Befragung, wo es eine Option gab, das Thema anzukreuzen, jedoch an 3. Stelle landete. Weiter erstaunt, dass das mittlere Management so viel weniger reisen soll, als das Top Management.

Der Rückgang der Geschäftsreisen auf Europastrecken beläuft sich auf rund 30 Prozent, auf der Langstrecke auf 20 Prozent: Was heisst das nun für die Airlines und deren Planung?

Zuerst würde ich diese Zahlen mit Vorsicht geniessen und als Übergangszahlen sehen. Ich denke, dass diese Zahlen für eine gewisse Zeit sicher zutreffen, wenn es wieder los geht, aber in fünf Jahren erholt sich vieles wieder – oder das generelle Mobilitätswachstum stopft die Löcher des weniger Reisens. Grundsätzlich müssen sich Airlines überlegen, wie gross die Flotte, das Netzwerk und die Flugkadenz im Netzwerk nach Corona sein soll. Damit einher geht die Frage, ob man Slots abgeben will oder muss. Das ist schwierig, denn gerade Low Cost Airlines könnten so gute Slots in Hauptflughäfen übernehmen mit dem Ziel, den Netzwerkairlines das zukünftige Wachstum zu bremsen. Ebenfalls stellt sich dann die Frage, ob und wie die Konnektivität an die Langstreckenverbindungen aus den Kurzstrecken heraus sichergestellt werden kann.

«In der Economy Class lässt sich kaum mehr ein Laptop öffnen»

Die Premium Economy scheint nicht zulasten der Business Class zu gewinnen, wie oft schon befürchtet wurde, sondern die Passagiere wandern von der Economy ab Richtung Premium Economy. Welche Gründe stehen hinter dieser Entwicklung?

Wir haben Geschäftsreisende befragt. Sie arbeiten im Flugzeug oft. Es wird auch vom Arbeitgeber erwartet, dass sie auch im Flugzeug produktiv sind. Dies ist gerade in der Economy Class kaum mehr möglich, da man kaum einen Laptop öffnen kann, da die Sitzabstände mittlerweile so eng sind. Es kommt schlussendlich darauf an, ob Unternehmen die Premium Economy den Mitarbeitern in ihren Spesenreglementen ermöglichen. Aus meiner Perspektive ist der Aufpreis in die Premium Economy bei Airlines, die so eine Klasse haben, nicht übermässig, sodass es sich für Unternehmen allemal lohnt, ihre Mitarbeiter sogar zu verpflichten, in dieser Klasse zu fliegen. Denn da kann wenigstens während des Fluges die Arbeitsproduktivität ermöglicht werden.

Was macht das Ihrer Meinung nach mit dem Menschen, wenn er nur noch Online-Meetings abhält?

Ich stelle einfach fest, dass die Kadenz der Meetings im letzten Jahr zugenommen hat. Es war wie mit dem Smartphone, als man plötzlich überall Emails beantworten, chatten, etc. konnte. Die Kommunikation scheint durch solche technische Innovationen zuzunehmen. Wir merken das nur beschränkt, da wir meistens im Zug oder an der Bushaltestelle oder im Lift, etc. Emails beantworten. Zuvor haben wir während dieser toten Zeiten nachgedacht, reflektiert, durchgeatmet. Nun kommen die Videokonferenzen im verstärkten Ausmass dazu. Wir hatten Sie bereits seit vielen Jahren, aber im letzten Jahr wurde alles auf Videokonferenz umgestellt. Dies bedeutet, dass mehr Meetings pro Tag möglich sind und vor allem, dass die Erwartung, kurzfristig einen Termin zu erhalten, steigt. Es ist nicht mehr die Frage, wann hast du Zeit für eine Besprechung, sondern hast du heute noch kurz Zeit für eine Videokonferenz. Ich frage mich, ob die erhöhte Kadenz und Taktung nicht dazu führt, dass die Reflektionsmöglichkeiten, das Durchatmen, Vorbereiten, Überdenken damit nicht leiden und schlussendlich mehr Fehler passieren.

Sie führen Ihre Studie noch weiter. Welche Aspekte kommen noch hinzu?

Wir sind daran herauszufinden, welche Meetings in welchem Ausmass online stattfinden können und welche nicht. Wir versuchen Charakteristika von Meetings zu finden, um beurteilen zu können, bei welchen Meetings eine persönlich Anwesenheit Vorteile bringt und welche. Da dürften Kulturaspekte, die Art der Meetings und die strategische Wichtigkeit eine Rolle spielen. Es wird ebenfalls beurteilt, was der Beitrag von Zwischenzeiten zwischen Meetings für eine Bedeutung hat, z.B. Kaffeepausen, Nachtessen, etc. Hier geht es um die gemeinsame Reflektion. Ich habe festgestellt, dass online die Traktanden in Meetings viel schneller und oft ohne viel Diskussion durgearbeitet und abgenickt werden. Vielleicht, weil man sich in Pausen nicht über Unklarheiten austauschen kann. Gerade in Verwaltungsratssituationen dürfte das zu Risiken führen.