Business Travel

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v.l.: Patrick Moreillon (General Manager Switzerland von American Express Global Business Travel), Roland Birchmeier (CEO bta first travel) und Andreas Schneider (Head of Kuoni Business Travel) geben Einblick in die aktuellen Herausforderungen der Geschäftsreisewelt. Bild: zVg / Montage: TN

«Viele Firmen haben bis September noch einen Travel Freeze»

Von Nina Wild

Die Geschäftsreise-Anbieter gehen schwierige Monate durch, die Nachfrage liegt am Boden. Travelnews hat mit den Spezialisten über die aktuelle Herausforderung gesprochen.

Kurz mit dem Flugzeug an das nächste Meeting in London jetten? Das war vor der Coronavirus-Krise für viele Geschäftsleute Gang und Gäbe. Doch die Pandemie hat auch diesen Sektor hart getroffen. Schnell wurden Alternativen mit digitalen Kommunikationswerkzeugen - die dank Corona einen regelrechten Aufschwung feiern - gefunden. Wann wieder unbeschwert gereist werden kann, ist unklar. Die Nachfrage tief.

«Die Verunsicherung bei den Kunden ist nach wie vor gross und teilweise sogar gestiegen. Die Kunden möchten, oder müssen, geschäftlich reisen, aber die fehlende Planungsunsicherheit erschwert oder verunmöglicht dies», verrät etwa Roland Birchmeier, CEO bta first travel und führt aus: «Die Nachfrage ist – auf sehr tiefem Niveau – wieder zurückgekehrt. Neue, erweiterte Massnahmen in der Schweiz und im Ausland, von Staaten und Marktteilnehmenden wie Airlines, wirken sich jedoch negativ auf die Nachfrage aus.»

Auch bei Kuoni Business Travel hält sich die Nachfrage noch begrenzt: «Wir sehen von Woche zu Woche eine Steigerung, natürlich ist die Nachfrage noch längst nicht wie 2019, aber das liegt auch an der Ferienzeit. Viele unserer multinationalen Kunden haben bis September noch einen Travel Freeze», erklärt Andreas Schneider, Head of Business Travel bei Kuoni Business Travel.

Patrick Moreillon, General Manager Switzerland von American Express Global Business Travel registriert zwar eine gesunkene Nachfrage und einen Rückgang der Buchungen, zieht aber auch Positives aus der herausfordernden Zeit in den vergangenen Monaten. «Amex GBT war aufgrund unserer Business-Continuity-Strategie in der Lage, nahtlos auf Home-Office-Betrieb umzusteigen. So konnten wir unseren Kunden in einer Zeit, in der sie ihn wirklich brauchten, unseren vollen Service bieten.» Als der Lockdown im März erfolgte, wurden die weltweiten Reiseberater mobilisiert und brachten 35'000 Passagiere nach Hause. Gleichzeitig seien über 100'000 Ticketrückerstattungen bearbeitet worden. In einigen Ländern zeige sich bereits Erholung: «In China sind in  den vergangenen Wochen rund 45 Prozent der Transaktionen zurückgekommen», hält er fest. In Europa liegen Deutschland, Frankreich und die nordischen Länder aktuell bei 10 bis 15 Prozent der Transaktionen, in Grossbritannien ziehen die Buchungen dank gelockerten Quarantäneregelungen auf wichtigen Geschäftsreise-Strecken wieder an.

Kein Ersatz für persönliche Begegnungen

Die Coronavirus-Krise hat gezeigt, dass die Gesellschaft bereit ist für die Digitalisierung und diese auch umsetzten kann. Meetings finden plötzlich über Zoom-Videokonferenzen statt, dem Schulunterricht kann online beigewohnt werden. Das lässt hinterfragen, ob Geschäftsreisen überhaupt noch notwendig sind. «Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Gesellschaften, Volkswirtschaften und Menschen leiden, wenn das Reisen eingeschränkt ist. Virtuelle Plattformen sind ein wertvoller Kommunikationskanal, haben aber auch deutlich gemacht, dass es keinen Ersatz für persönliche Begegnungen gibt», ist Moreillon überzeugt. Er ist zudem der Meinung, dass der aktuelle Home-Office-Trend neue Wachstumsschancen für Geschäftsreisen bietet: «Da immer mehr Unternehmen ihre Immobilienstrategie prüfen, sehen wir eine Zunahme externalisierter Mitarbeiter. Eine stärker verteilte Belegschaft reduziert den Pendelverkehr und die Standortkosten, erhöht aber tatsächlich den Bedarf an Geschäftsreisen.»

«Wir alle spüren in diesen Zeiten den Wert des persönlichen Kontakts. Der ist durch nichts zu ersetzen. Wer hat sich nicht gefreut, nach Monaten seine Arbeitskolleginnen und -kollegen oder seine Kunden wieder persönlich zu treffen?», sagt Birchmeier und gibt dennoch zu bedenken, «aber selbstverständlich werden auch die neuen Kommunikationsformen einen Einfluss auf das Geschäftsreisevolumen haben – gerade bei firmeninternen, vermeidbaren Reisen. Inwiefern dieser Trend langfristig anhält, werden wir nach Öffnung der Grenzen, nach einer gewissen Normalisierung der Lage, sehen.»

Andreas Schneider ist überzeugt, dass die Krise dem Geschäftreise-Spezialisten neue Chancen eröffnet: «Verschiedene Umfragen sagen voraus, das nur jede fünfte Geschäftsreise durch digitale Medien ersetzt werden kann. Wir sehen gerade, wie wichtig ein professioneller Geschäftsreise Service ist. Buchung, Umbuchung, Visa-Einholung, Covid19 Ein- und Ausreisebestimmungen, Online- und APP-Support, Travel-Riskmanagement und das alles 24 Stunden und am Wochenende.» Der Anbieter habe sich deshalb in den letzten Monaten umfassend auf den Restart vorbereitet und das Produktportfolio verbessert. Es gebe seit Anfang Juni einen 24/7 Service ohne extra Kosten, einen neuen Online-Visa-Dienstleister und die Integration einer Covid 19 Datenbank, «wir sind schon heute kein Transaktionsverbucher mehr, sondern Berater unserer Kunden», erklärt Schneider.

Individuelle Beratung ist das A&O

In Zeiten wie diesen ist eine verlässliche Planung praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Umso wichtiger ist deshalb die individuelle Beratung der Reisenden, wie Birchmeier verrät: «Je nach Destination und Buchungs- oder Reisezeit ändern sich die Voraussetzungen und Bedingungen laufend. Wir beraten unsere Kunden sehr individuell und benachrichtigen sie auch nach erfolgter Buchung, sollte sich die Lage an der Destination ändern. So können wir ihnen die grösste Planungssicherheit ermöglichen.» Auch Schneider setzt hierbei auf den persönlichen Kontakt: «Es ist wichtig, sich bereits vor der Reise über Einschränkungen zu informieren, da diese nicht nur auf Länderebene, sondern oft regional unterschiedlich sind. Vorsichtsmassnahmen sind zu befolgen und wir empfehlen, für uns im Falle von kurzfristigen Reiseänderungen erreichbar zu sein.»

Die Situation stellt die Reiseanbieter vor noch nie dagewesene Herausforderungen. «Eine gute Kommunikation ist sowohl für das Vertrauen als auch für die Sorgfaltspflicht von entscheidender Bedeutung», erklärt Moreillon. Es sei deshalb wichtig, zeitnahe, relevante und regelmässige Aktualisierungen über alle wichtigen Kanäle bereitzustellen - am besten noch vor Reiseantritt. «In grossem Massstab geht das nur mit Technologie – zum Beispiel von den grossen Geschäftsreisebüros», erläutert er. Deshalb habe American Express Global Business Travel Anfang Juli Travel Vitals, eine dynamische, zentrale Plattform für Reiseinformationen auf den Markt gebracht. «Sie ist als zentrale Informationsquelle für Reisende und Travel Manager konzipiert und bietet die Informationen, die vor, während und nach einer Geschäftsreise wichtig sind. Die Daten werden aus Hunderten von Quellen zusammengestellt und ermöglichen es, Informationen nach Zielort, Fluggesellschaft, Flughafen, Hotelkette, Bahnanbietern und anderen bodengebundenen Verkehrsmitteln zu suchen», führt Moreillon aus.

Problematisch für die Reiseplanung sei auch die Risikoländerliste des Bundesamtes für Gesundheit. «Die Risikoländer-Liste steigert die Unsicherheit bei Kundinnen und Kunden und führt damit zu noch grösserer Zurückhaltung bei der Buchung von Auslandreisen», gibt Birchmeier zu bedenken. Laut Schneider seien vor allem kurzfristige oder widersprüchliche Informationen ungünstig, weil diese die Versicherung der Reisenden vergrössern: «Aus diesem Grund unterstütze ich aktuell die Forderungen der Aktion Mayday, verlässlichere und smartere Quarantäne-Regeln für Auslands-Rückkehrer zu erlassen», hält er fest.

Erholung erst in Jahren

Trotz der vielen Herausforderungen ist Aufgeben keine Option, nein, es ist sogar Optimismus spürbar - auch wenn die Spezialisten nicht von einer Erholung bis 2022/2023 ausgehen: «Viele Faktoren beeinflussen unser Geschäft. Ich spreche nicht nur von den direkten Folgen der Covid-Krise, sondern auch von längerfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen. Bei allem Pessimismus darf man aber nicht vergessen: auch eine Erholung kann schneller eintreffen, als momentan erwartet. Der Mensch hat den Hang, sich vom Unmittelbaren beeinflussen zu lassen und Schlüsselereignisse – wie beispielsweise die breite Einführung einer Impfung – könnten auch als Katalysator dienen», sagt Birchmeier. Schneider wiederum glaubt, dass Innovationen der Schlüssel zum Erfolg sind: «Für Anbieter mit neuen Ideen, die sich schnell den Veränderungen anpassen, kann es grössere Chancen geben, in einem kleineren Markt stärker zu wachsen.»

Moreillo ist überzeugt, dass Geschäftsreisen erheblich zum Erfolg von Unternehmen beitragen und Firmen ihre Mitarbeitenden in die Welt schicken möchten. «Wir rechnen damit, dass die Nachfrage weiterhin langsam zurückkehrt, zunächst an vielen verschiedenen Orten die Inlandsverkehre, dann Reisen innerhalb der Regionen und schliesslich Langstrecken- und Interkontinentalflüge. Wir rechnen damit, dass die Zahl der Geschäftsreisen mit Bahn und Mietwagen schneller steigt als die Zahl der Flugreisen.» Bis ein Impfstoff allgemein erhältlich ist, müsse aber weiterhin mit Störungen oder Unterbrechungen des Geschäftsreiseverkehrs gerechnet werden.